Nur ganz viel Empathie, bitte. Danke! – Was in diesem Jahr auf allen Weihnachtswunschzetteln stehen sollte

Oh du Fröhliche, oh du Nachdenkliche. Mitten in der Adventszeit schlage ich sanftere Töne an und halte inne. Ja, es wird ein bisschen emotional, aber auch ehrlich. Hier meine persönlichen Abschlussworte zum Jahr 2020 anlässlich des Weihnachtsfests.

Alle Jahre wieder wirds ab Mitte Dezember besinnlich und wahnsinnig zugleich. Wenn ich an Weihnachten denke, spielt sich in meinem Kopf ein Remix aus “Last Christmas” (Ohrwurm, gern geschehen), Plätzchen, Lichterketten und Kitschdeko, viel zu vollen Weihnachtsmärkten, schreienden Kindern in Spielzeuggeschäften und herumwuselnden Menschen in überfüllten Shoppingmalls ab. Ich erinnere mich daran, als wäre es gestern gewesen, obwohl diese “Normalität” momentan so weit entfernt scheint. In diesem Jahr ist eben alles etwas anders und zur Festtagszeit gibt es aufgrund der Pandemie irgendwie so gar nichts zu feiern. Oder doch?

Die Tage bin ich auf Instagram immer wieder auf ein ganz bestimmtes Zitat gestoßen, das mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf gegangen ist – simpel, aber genau auf den Punkt. Es ging ungefähr so: “Ende 2019 haben wir darüber nachgedacht, was wir uns für die Zukunft wünschen. 2020 haben wir gelernt, worüber wir in der Gegenwart dankbar sein können.” Ich finde, das passt nicht nur ganz allgemein, sondern auch zu Weihnachten an sich. Egal, ob religiös oder nicht, eigentlich wissen wir ja, dass es an den festlichen Tagen darum gehen soll, mit den Liebsten zusammenzukommen, die gemeinsame Zeit zu genießen und zu schätzen, eben im Hier und Jetzt zu sein. Inmitten von Geschenke-Mania haben wir die Werte aber fallen lassen wie manche Shops ihre Preise, wenn mal wieder Sale ist. Ist ja auch verlockend, wenn im November von allen Seiten die unzähligen Angebote und Prozente rufen, sodass man als Konsument*in fast gar nicht weghören und schon mal fleißig für die Bescherung im nächsten Monat vorsorgen kann. Und wir dürfen nicht vergessen, dass es genug Menschen gibt, die auf diese Rabatt-Tage und -Wochen angewiesen sind, dass sie fernab vom Pre-Christmas-Chaos durchaus einen Nutzen haben, weil aufgrund der finanziellen Situation nicht jede*r an diesen Tagen problemlos nein zum Shopping sagen kann, dass es ein Privileg ist, zum Black Friday und der Cyber Week komplett auszurasten, einfach weil man es kann. Schon ein moralisches Dilemma. Auf der einen Seite ist etwas nötig und wichtig, auf der anderen artet es aus, weil halt alles möglich ist – womit wir auch schon zu den Tagen vor dem 24. kommen. Manche machen es ja gerne auf den letzten Drücker und laufen kurz vor knapp in die Kommerzläden, während tausend andere gerade auf dieselbe Idee gekommen sind und schnell noch was mitnehmen, ja, hab’ ich auch schon gemacht. Kapitalismuskritik hängt euch vielleicht aus dem Hals raus, aber was soll man schönreden, wenn es nicht mehr um den guten Willen, um den persönlichen Gedanken dahinter geht, sondern nur noch darum, etwas zu kaufen, damit man etwas gekauft hat.

Neben Maßlosigkeit schreit das Ganze vor allem nach einem: Stress. Klar hat Weihnachten seine schönen Seiten und wir sind sicherlich nicht nonstop angespannt, aber wir erlegen uns selbst so einen Druck auf und verfallen in eine Art (Konsum-)Wahn, dass wir im Tunnelblick wie auf einer Zielgerade auf diese Feiertage zulaufen. Dann sind wir plötzlich angekommen, schnaufen kurz durch, joa und vorbei ist der Zauber, fast schon vergessen die Geschenke, außer man muss sie noch umtauschen. Wo bleibt da eigentlich das Genießen, die viel gepredigte Besinnlichkeit? Ausgerechnet jetzt ist der perfekte Zeitpunkt, um sie zurückzugewinnen, jetzt, wo wir eigentlich alle so viel verloren haben, manche mehr, manche weniger: Im Lockdown einen Teil von unserer Normalität, Privilegien, denen wir uns gar nicht bewusst gewesen sind. Oder wer war wirklich wissentlich dankbar dafür, Freund*innen am Wochenende in einer Bar treffen und umarmen zu können, wer hat es nicht als Selbstverständlichkeit gesehen? Wir leben mit Einschränkungen und dem Leid, das die Pandemie in viele Familien gebracht hat, aber nicht zuletzt bezogen auf die Corona-Krise leben wir auch alle verschiedene Realitäten. Es ist schwierig, die Situation zu verallgemeinern, trotzdem bleibt ein Wunsch für unsere Gesellschaft, der durchaus den Geist der Weihnacht widerspiegelt.

Ich wünsche mir, dass wir Dankbarkeit neu lernen und fühlen können, denn ein “Danke” geht leicht über die Lippen, aber kommt die Emotion auch im Herzen an? Ich meine jetzt nicht die pure Euphorie, wenn man die neue PlayStation 5 zum ersten Mal in den Händen hält oder die kurzlebige Freude, während man unterm Weihnachtsbaum das vierte Geschenk auspackt. Ich meine vielmehr dieses ganz bewusste Innehalten in einer Zeit der Krise, bei dem man merkt, was für einen selbst wahrlich wichtig ist. Und wie gesagt, das kann bei jeder Person etwas anderes sein, aber meiner Meinung nach ist es für den persönlichen Wachstum wirklich bedeutend, sich darüber im Klaren zu werden. Und auch zu erkennen, dass in diesem Jahr, in dem alles schief zu laufen scheint, trotzdem etwas Gutes steckt – und es war schon die ganze Zeit da. Wie beruhigend, es gibt also doch etwas Beständiges in unserem Leben, das momentan in regelmäßigen Abständen schlechte Nachrichten bereithält. 

Seit dem ersten Lockdown habe ich mir zum Beispiel meine Wohnung oft intensiv angeschaut und bin unheimlich dankbar dafür gewesen, meine vier Wände zu haben, in denen ich mich wohlfühle. Und meinen Hund zu haben, der mir in guten und schlechten Zeiten Lebensfreude gibt und mich dazu bringt, stets aktiv zu sein. So kitschig es klingen mag, aber diese beiden Punkte halte ich mir immer wieder vor Augen – und kann euch nur empfehlen, auch auf die Suche nach euren Punkten zu gehen. Das hilft persönlich und ist auch wichtig für das Vorankommen als Gesellschaft. Uns als Kollektiv, besonders in der westlichen Welt, tut es sicherlich gut, die Überheblichkeit mal abzulegen und zu akzeptieren, dass wir nicht alles sofort jetzt haben und 24/7 kriegen müssen, dass halt nicht immer alles nach Ego läuft. Also ja, das Zurückspulen, das zur Dankbarkeit führt, kann schon etwas richten, solange man nicht als Pseudo-Smiley durch die Gegend läuft, um die Ungerechtigkeiten der Welt zu untergraben und sich selbst dadurch besser zu fühlen. Weil es nicht darum geht, sich ein gutes Gefühl zu geben und den eigenen Kopf zu tätscheln, sondern darum, den Blick für sich und das Drumherum zu schärfen. 

Damit im Hinterkopf möchte ich noch mal auf meine Anfangsfrage zurückzukommen: Gibt es an Weihnachten 2020 trotz weltweiter Krise etwas zu feiern? Wenn ihr mich fragt, ist es die Nächstenliebe der neuen Art. Nicht alle haben die Möglichkeit, Geld zu geben oder Zeit in einen guten Zweck zu investieren, aber jede*r einzelne kann deutlich mehr Empathie in den Topf werfen – übrigens mein größter Weihnachtswunsch – und damit das Gefühl für die anderen zurückgewinnen. Anstatt nur zu sehen, was uns auseinanderbringt, sollten wir uns mehr darauf konzentrieren, was uns verbindet. Wir stecken mehr oder weniger im selben Boot, können Gedanken teilen, neue Perspektiven lernen und eröffnen, uns an einer Schulter anlehnen und selber eine Schulter zum Anlehnen sein. Wir sind nun einmal nicht alleine hier und wie wichtig das Miteinander ist, sollte uns nicht nur diese Pandemie gelehrt haben. Denn es gibt im neuen Jahr noch so viel gemeinsam anzupacken, auch weil die Stimmen von rechts aktuell immer lauter werden. Wir müssen weiter aktiv an der Gestaltung einer anti-rassistischen Zukunft teilnehmen, in der sich nicht nur ein Teil der Gesellschaft sicher fühlt, um nur ein Beispiel der langen To-do-Liste zu nennen. Die Erde dreht sich trotz Krise weiter und die Probleme, die parallel laufen, lassen sich nicht auf Pause schalten. In dem Sinne hoffe ich, dass wir alle gestärkt und mit neuem Mut aus einer schwierigen Phase herausgehen, denn wir werden die Kraft gebrauchen können. Also erholt euch über die Feiertage gut, bleibt gesund, wir retten die Welt dann nächstes Jahr.