Kleider machen Leute, nicht Mann oder Frau! – Über Weiblichkeit im 21. Jahrhundert und Gender-Schubladen in der Modeindustrie

Eigentlich sind wird im Zeitalter der Selbstbestimmung angelangt, in dem es auch in Sachen Fashion keine Grenzen mehr geben sollte. Wären da nicht diverse Gewohnheiten, Stigmen und Schubladen, die den Spaß an der Mode überschatten. Wir wollen wieder Licht ins Dunkle bringen, mit Weiblichkeit für jedermensch. 

Es könnte irgendwie ganz einfach sein: Ein Online-Shop wird aufgerufen, das beliebige Teil auf die virtuelle Einkaufsliste gesetzt und wenn der Ich-muss-es-haben-Faktor den Ich-brauch-nix-mehr-Gewissensbiss übertrumpft, wird das digitale Portemonnaie gezückt. Aber “einfach” liegt einfach nicht in der Natur unserer Gesellschaft, die in Oldschool-Manier ja erst einmal zwischen Männlein und Weiblein unterscheiden muss. Damit sich diese Trennung überall bemerkbar macht, wo es auch nur geht, hat sie sich natürlich auch in der Modeindustrie eingenistet. 

Ich lasse jetzt mal progressive Labels und Unisex-Kollektionen außen vor, denn bevor Fortschritt mit ein paar Mutigen und Müden von bisherigen Entwicklungen in die Branche eingezogen ist, wachte ja grundsätzlich der Entweder-Oder-Allmächtige über unser Einkaufsverhalten und bestimmte, in welche Richtungen unser Stil gehen darf. Also entweder du bist ein Mann und trägst Hosen, Shirts, Hemden und Co. oder du bist eine Frau und trägst Hosen, Shirts, Blusen, Kleider, Röcke, Taschen und Schmuck. Na, was wäre wohl in Generation Oma & Opa los gewesen, wenn es in der Männerabteilung bei Karstadt schicke High Heels und Perlenohrringe für den edlen Herren gegeben hätte. Von dem Gedanken an ein nicht-binäres Gender-Modell müssen wir in diesem Kontext gar nicht erst sprechen.

Aktuelle gesellschaftliche Movements haben natürlich Bewegung in das Ganze und uns auch stilistisch mehr Möglichkeiten gebracht. Trotzdem werden Männer in Glitzerklamotten oder Pumps von manchen auch heute noch schief angeguckt (wir müssen uns nichts vormachen, denn auch in “toleranten” Städten wie Berlin ist der Walk of Style nicht immer einer mit erhobenen Hauptes) und trotzdem werden wir bei kommerziellen Brands und Läden – offline und online – erst einmal auf eine Seite geleitet, auf die männliche oder weibliche. 

Wenn ich auf der Suche nach einem gemütlichen, weiten, sogenannten “Boyfriend”-Pulli bin, renne ich erst einmal in die gute alte Männerabteilung. Was für mein vermeintlich geschlechtliches Gegenüber gemacht wurde, sitzt und passt dann nämlich meistens doch noch etwas besser als das, was ich in der für mich bestimmten Section finde. Irgendwie absurd, wenn das besagte Piece dann später für “weibliche” Konsumenten angepasst und als Oversize-Pullover deklariert wird, wenn es ja irgendwie das ist, was es drüben in der anderen Abteilung eh schon gibt. Ich frage mich, wie es wohl aussehen würde, wenn wir bei den gängigen Fashion-Riesen, die man eben so kennt, nur noch auf ein “Für alle” stoßen würden. Wenn man Klamotten gar nicht mehr in Gender-Schubladen werfen würde, weil ja jeder tragen darf, was er will, und wenn kein*e Verkäufer*in mehr die Augenbraue nach oben zieht, wenn mein bester Freund bei dem Rock mit Blumenmuster nach seiner Größe fragt. 

Also ich meine jetzt nicht, dass in unserer Bubble, in der wir ja so weltoffen leben, alles möglich ist, sondern in unserer gesamten Gesellschaft, in diesem großen, komplexen Konstrukt so ganz ohne Vorurteile. Ha, da muss ich ja schon etwas schmunzeln, denn der Gedanke daran fühlt sich in Vogelperspektive so revolutionär an, dass er schnell wieder verfliegt. Aber wie sagt man so schön, “The sky is the limit”, und das heißt ja, dass uns eigentlich keine Grenzen gesetzt sind, auch nicht in der Modeindustrie. 

Zwischen den Big Players, Nischenmarken und vielen neuen innovativen Brands und Kollektionen reiht sich nun WYST mit ein, eine Brand in erster Linie für Womxn, genauso aber auch für Männer, ein Label, das Weiblichkeit in allen hervorheben möchte, die das auch möchten. Dieser Satz knallt schon fast wie eine Wucht gegen die Wand, weil einem der Begriff “Weiblichkeit” im 21. Jahrhundert ja quasi um die Ohren fliegt. Was bedeutet der schon in der heutigen Zeit, in der immer mehr Menschen aus Gender-Schubladen ausbrechen und Platz für Freiraum sowie für das Ich unabhängig von gesellschaftlichen Konstrukten und Konzepten schaffen? Für WYST als Marke heißt das unter anderem, konventionelle und zugeschriebene weibliche Attribute loszulassen, das “weiblich” dabei aber trotzdem nicht zu verlieren. Das ist ein fortlaufender Prozess, der sich von euren Stimmen und Bedürfnissen nährt, der aber auch irgendwo seinen Anfang hatte. 

The Beginning of it all ist mit dem Geschmack von Label-Gründerin Jennifer Weist aka Yaenniver verwurzelt, die Mode als Tool sieht, um das Innere nach außen zu tragen. Diese Meinung teilt sie zweifelsfrei mit vielen anderen, die genau wie sie bestimmt auch diese Tage kennen, an denen allein der Blick in den Spiegel Euphorie hochkochen lässt. Es sind diese Tage, an denen Jennifer ihren Körper zeigen will, mit enger Hose und bauchfreiem Top zum Beispiel. Dann gibt es aber auch diese Comfy Days, an denen sie sich am liebsten eine Jogginghose und einen Oversize-Pullover, die ja stiltechnisch als maskulin empfunden werden, überwirft. Kenn ich, kennt ihr bestimmt auch, ist keine große Sache und lässt uns auch nicht unsere Weiblichkeit verlieren, sofern wir uns mit ihr auf eine Art und Weise identifizieren. 

Drehen wir den Spieß mal um: Was ist, wenn Männer diese unterschiedlichen Tage haben, an denen sie sich eben unterschiedlich in Schale werfen wollen? Was, wenn sie heute Kleid, morgen Hose anziehen, wenn es ganz normal wäre, dass der Schottenrock nur noch eine von vielen Rock-Variationen für sie ist, wenn sie sich ähnlich wie Womxn, die seit Anfang des 17. Jahrhunderts den Kampf um die Hose gewagt hatten, modisch emanzipieren, ohne dass ihnen dabei noch Stigmen aufgedrückt werden. So ist es ja nun einmal, trägt ein Mann, was sonst Frau tragen “sollte”, werden ihm bestimmte Eigenschaften zugeschrieben und so gibt’s die Vorurteile gratis mit dazu. Ganz ehrlich, mehr aus der Mode kann eine Vorstellung von Mode doch gar nicht mehr sein, oder? Deswegen ist WYST pro: Männer in bauchfreien Tops? Ja. Männer in Röcken, Kleidern oder mit Clutch? Ja, ja, ja. Männer so, wie sie wollen? Ja, Mann!

Aus dem ersten Entschluss von Jennifer, Mode für Womxn zu machen, weil sie selbst eine Frau ist und sich als Frau definiert, wuchs der Wunsch nach Inklusivität. Designs hin zu einem Weder-Noch, das dem veralteten Entweder-Oder-Prinzip der Modebranche mal Feuer unterm Allerwertesten macht. Am liebsten würde ich die gleichen Kollektionsteile, sollte WYST in der Zukunft jemals bei externen Online-Shops auf Kommission verkauft werden, sowohl im Frauen- als auch im Männerbereich gelistet sehen. Ich frage mich, ob das überhaupt geht!?

Trotz alledem steckt der Faktor Weiblichkeit mit in der DNA des Labels, was das Ganze nicht unbedingt einfacher macht, denn einheitlich definieren lässt sich dieser Begriff ja eher ungern. Auch beim Gespräch mit dem Team haben wir darauf keine konkrete Antwort gefunden und schon gar keine, die universell geltend sein könnte oder sollte. Und ich persönlich will an dieser Stelle erst recht nicht meinen subjektiven Senf dazu geben, wenn dieser mit mir mal wieder nur von einer weißen cis Frau kommt – einseitig und haben wir schon zur Genüge gehört.

Geht man zurück in die Geschichte und zum Ursprung, funktionierte der Begriff nur mit seinem Gegenbegriff, nämlich der Männlichkeit. Ohne männlich kein weiblich, sozusagen (ja, in dieser Reihenfolge), weil das feminine Konstrukt – danke, Patriarchat – ja eigentlich dafür da war, um ihr Pendant zu stützen. Das heißt: Was besonders in der Vergangenheit eben immer mitspielte, war der Faktor Macht, der Weiblichkeit in ein dämmriges Licht rückte und davon abhängig machte, wie sie mit Männlichkeit ins Verhältnis gesetzt wurde und durchaus auf gewisse Art und Weise immer noch wird. 

Weiblichkeit ist heutzutage sicherlich auch eine Frage des Wollens. Will ich feminin sein, wirken und mir dadurch bestimmte Eigenschaften zuschreiben lassen, ob sie zutreffen mögen oder nicht? Je mehr man darüber nachdenkt, desto weiter entfernt man sich davon, Weiblichkeit zu definieren. Sie ist eindeutig nicht neutral, sie ist subjektiv und individuell, ist heutzutage im Idealfall genderless, aber irgendwie auch nicht, kann ein wichtiger Teil der eigenen Identität, der auf persönliche Art und Weise ausgelebt wird, oder ganz und gar bedeutungslos sein. Sie ist das, was ich daraus mache – und du. Deswegen zeigen wir euch mit WYST unsere ganz eigene Definition von Weiblichkeit, die in dem Fall ohne große Worte auskommt und mit unseren Designs Form annimmt. Ihr seid alle eingeladen!

Anmerkung der Redaktion: Die Begriffe “Womxn”, “Frauen” und “Männer” beziehen Transfrauen, Transmänner, intergeschlichte Personen, non-binäre Personen und cis Frauen sowie cis Männer ein, sofern sie sich damit identifizieren oder sich davon angesprochen fühlen möchten.