Öko und fair? Da geht's lang! – Über Siegel und Zertifizierungen, die Wegweiser der Modeindustrie

Gütesiegel für Mode sind ja an sich nichts Neues und besonders in den vergangenen Jahren ein wichtiges Tool geworden, um die Qualität von Kleidungsstücken zu akzentuieren. Aber so eine Zertifizierung muss nicht immer auch das einhalten, was sie vorgibt – kann sie aber. Wir schauen uns genauer an, was dahinter steckt und welche Faktoren beachtet werden sollten.

Toxische Beziehungen gibt es nicht nur zwischenmenschlich, denn so eine führen wir ja zweifellos seit langem mit der Modeindustrie. Die Chemie stimmt einfach nicht, wenn Chemikalien innerhalb der Kleidungsproduktion sowohl Mensch als auch Natur vergiften. Spätestens nach dieser Erkenntnis wäre eigentlich der Zeitpunkt für die Trennung gekommen, aber gar nix mehr anziehen geht ja auch nicht. Also raus aus dem Dilemma, irgendwie jedenfalls. Dass es für diese hoffnungslose Lovestory zwischen Fashion und Menschheit überhaupt noch ein Happy End geben kann, haben wir einigen Pionieren zu verdanken, die in den letzten Jahren ganz schön harte Arbeit geleistet haben. Denn sie haben geschafft, dass wir, die Konsument*innen, nicht mehr nur kaufen, sondern auch hinterfragen: Was steckt drin? Wo kommt es her? Unter welchen Bedingungen wurde es gefertigt? Wie sehr musste die Umwelt darunter leiden?

So und jetzt sitzen wir vor einem großen Kabelsalat voller offener Fragen, die nach Antworten schreien. Und da, liebe Leser*innen, dürfen wir leider nicht immer so gutgläubig sein, denn es steckt nicht jedes Mal das drin, was auch draufsteht. Jetzt wird’s langsam tricky – es macht nämlich durchaus den Eindruck, dass mit dem Fokus auf Nachhaltigkeit und auf faire Arbeitsbedingungen die Modeindustrie als Ganzes einen absoluten Wandel durchlebt hat. Große Konzerne haben es ja oft gar nicht eilig genug, um nach außen zu tragen, wie öko und social sie geworden sind. Gut gemeint, ist aber leider nicht immer gut umgesetzt und so steckt oft statt Green umso mehr Greenwashing drin.

Damit wir nachhaltige und faire Mode trotzdem erkennen, gibt es heute viele Siegel und Zertifizierungen, die den Verbraucher*innen als Orientierung dienen sollen. Dass solche Qualitätsmerkmale für Textilien mittlerweile sogar gang und gäbe sind, ist eine wichtige Entwicklung, die mehr Transparenz bringt und die Branche langfristig verändern kann. Weil mit Hintergrundinformationen und Recherchemöglichkeiten ein immer größeres Bewusstsein geschaffen wird, weil Werte rund um unsere Umwelt und Sozialstandards in den Fokus rücken, wodurch langsam mal auch Fast Fashion auf die Bremse drücken muss.

Klingt gut, oder? Tja, ihr habt es vielleicht schon geahnt: Auch ein großer Hoffnungsschimmer in der Modeindustrie kommt nicht ohne ein Aber aus. Siegel und Co. können nämlich zu einem Trugschluss führen, wenn vermutet wird, dass Labels ohne Zertifizierung weder fair noch ökologisch sein können. Das stimmt so einfach nicht, denn Siegel sind oft auch mit Kosten verbunden, weswegen sich kleine Familienunternehmen den vielversprechenden Qualitätsstempel manchmal schlichtweg nicht leisten können. Wie tief man da in die Tasche greifen muss? Die Preise kann man nicht pauschalisieren, sie können von der Art, Größe, Lokalität und des Sortiments eines Betriebs abhängig sein – und eben auch vom Siegelinhaber, also der Organisation, welche Zertifizierungen an Unternehmen vergibt. Beim bekannten Global Organic Textile Standard (GOTS) rechnen Betriebsstätte zum Beispiel mit jährlichen Zertifizierungskosten zwischen 1.200 und 3.000 Euro. Für jedes Kalenderjahr kommt eine Lizenzgebühr von 150 Euro hinzu. Beim Umweltzeichen Blauer Engel müssen Unternehmen mit einer einmaligen Bearbeitungsgebühr von 400 Euro und einem Jahresentgelt rechnen. Letzteres ist vom jährlichen Umsatz aller Produkte abhängig, die mit dem jeweiligen Umweltzeichen gekennzeichnet sind. Liegt dieser unter 250.000 Euro, fallen zum Beispiel 350 Euro an, bei einem Gesamtumsatz zwischen zweieinhalb und fünf Millionen Euro sind es 2.400 Euro – der Höchstbeitrag liegt bei 10.500 Euro jährlich. 

Das soll nicht heißen, dass Siegel schlecht sind, ganz im Gegenteil – Kosten entstehen ja auch, weil lange, strenge Prüfverfahren und Arbeit dahinterstecken. Es ist nur wichtig, diese Thematik ganzheitlich zu betrachten und kleinere Labels und Betriebe nicht automatisch abzustempeln, wenn sie keinen Stempel für faire und nachhaltige Textilien haben. Schaut in diesen Fällen einfach genauer hin und achtet darauf, welche Auskünfte ihr beispielsweise auf der jeweiligen Website finden könnt. Wenn eine Firma Wert auf gewisse Standards und Produktionsbedingungen legt, dann geht sie auch offen damit um und verheimlicht nichts, weil es ja keinen Grund dafür gibt. 

Wenn man über Gütesiegel spricht, sollte man außerdem die Absichten nicht außer Acht lassen. Grundsätzlich sollen sie ja einfach anzeigen, das Kleidungsstücke unter menschenwürdigen Bedingungen und/oder umweltschonend hergestellt wurden. Demnach können einzelne Pieces oder ein komplettes Sortiment gekennzeichnet werden, wenn die entsprechenden Anforderungen erfüllt sind. Aber Letztere unterscheiden sich deutlich von Siegel zu Siegel, die alle andere Standards, Kriterien und Absichten haben. Was eben auch daran liegt, dass sie nicht einheitlich genutzt werden, dass es weder ein offizielles Gütesiegel noch gesetzliche Vorgaben gibt, die sich auf die Transparenz hinsichtlich der Wertschöpfungskette beziehen. Dementsprechend haben manche große Fashion-Unternehmen direkt mal die Chance genutzt und eigene Textilsiegel entwickelt. Dass muss nicht zwingend etwas Schlechtes sein, aber die Firmen können in dem Fall eben selbst entscheiden, was für sie ökologisch und fair ist – schließlich handelt es sich ja um keine geschützten Begriffe, bei denen festgelegte Kriterien gelten.

Wie glaubwürdig und vertrauensvoll ein Siegel wirklich ist, ist auf den ersten Blick tatsächlich gar nicht so einfach zu erkennen, man kann aber pauschal sagen, dass sich Verbraucher*innen eher auf die unabhängigen Zertifizierungen verlassen sollten. Wobei auch da leider immer nicht alle das halten, was sie versprechen, gar von Unternehmen für Greenwashing genutzt werden. Durch Marketing- und PR-Maßnahmen rücken sich Marken hierbei in ein gutes Licht und stellen sich nach außen besonders umweltbewusst und -freundlich dar, sind es aber beim näheren Hinschauen gar nicht oder nur teilweise. Während meiner Recherche bin ich auf zwei Beispiele gestoßen, die zeigen, dass man durchaus hinterfragen soll. Die “Conscious”-Kollektionen von H&M kennt ihr ja wahrscheinlich bereits, also das vermeintlich nachhaltige Pendant zu den sonstigen Designs. Aber hierbei handelt es sich um mehr als nur um eine Linie, “H&M Conscious” ist tatsächlich das unternehmenseigene Siegel, das sich der Modekonzern selbst vergibt. Dahinter stecken bestimmt auch gute Absichten, aber der Fashion-Riese kann so selbst festlegen, was für ihn umweltbewusst ist und muss sich nicht an andere Standards halten. Außerdem erfüllen die mit “Conscious” gelabelten Pieces eben nicht vollständig ökologische Nachhaltigkeitskriterien, wie es eine Referentin des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu) auf “Tagesspiegel”-Nachfrage anmerkte. Auch wenn etwa Bio-Material benutzt wird, müssen andere Faktoren wie die Weiterverarbeitung ebenfalls stimmen, weil ein Kleidungsstück auch an anderen Ecken der Wertschöpfungskette umweltschädlich sein kann. Und dann stellt sich auch noch die Frage, warum ein derart wirtschaftlich erfolgreiches Unternehmen nicht mal bei der “Conscious”-Linie, die ja nur einen kleinen Teil des gesamten Sortiments ausmacht, zu hundert Prozent auf nachhaltige Stoffe setzen kann? Ihr könnt ja gerne selbst mal eine Stichprobe machen, aber ich finde hier immer wieder nur einen recycelten Polyester-Anteil von etwa 50, 60 Prozent, bei dem Anteil von fünf Prozent Wolle steht nichts von Bio. Und warum sind in einem “Conscious”-Teil, das für Nachhaltigkeit steht und so vermarktet wird, eigentlich rund 45 Prozent Polyacryl enthalten? Also eine synthetische Faser, die bei der Herstellung viel Energie und Erdöl benötigt. Wo wir schon mal bei den Materialien sind, bei einer Prüfung der Stiftung Warentest konnte H&M diesbezüglich nicht mit Transparenz glänzen und gab zu der Herkunft der Baumwolle von drei Shirts nur lückenhafte Informationen. Da fragt man sich natürlich, warum. Beim Siegel-Check schnitt aber eine Kennzeichnung noch schlechter bzw. am schlechtesten ab, nämlich die der Better Cotton Initiative, die eher wenig strenge Anforderungen hat, weswegen ihre Baumwolle vermutlich so weit verbreitet ist. Nach eigenen Angaben hat die Nonprofit-Organisation das größte Baumwoll-Nachhaltigkeitsprogramm der Welt, aber redefreudig ist sie trotzdem nicht und antwortete auf konkrete Nachfragen der Stiftung Warentest nicht. Übrigens bezieht auch H&M Baumwolle von der Better Cotton Initiative… 

Am liebsten würden wir euch an dieser Stelle eine vollständige Auflistung von vertrauensvollen und unglaubwürdigen Siegeln geben, damit ihr euch mal einen Überblick verschaffen könnt, aber das würde leider den Rahmen des Blogs sprengen, da es mittlerweile so viele gibt. Diese decken aufgrund des komplexen Wegs eines Textils außerdem oft sehr unterschiedliche Teilbereiche ab. Daher wollen wir uns hier auf drei bestimmte Siegel konzentrieren, mit denen es gute Aussichten gibt, denn Greenpeace hat sie geprüft und im Vergleich mit anderen am höchsten bewertet.

Den Anfang macht der Global Organic Textile Standard (GOTS), den wir bereits oben erwähnt haben. Damit dieses Siegel ein Kleidungsstück ziert, muss es einige Anforderungen erfüllen. Es dürfen zwar bis zu 30 Prozent Recyclingfasern zugemischt werden, aber mindestens 70 Prozent eines Designs müssen hierbei aus Naturfasern bestehen, die wiederum aus kontrolliert biologischem Anbau stammen. In der Produktion sind elf Detox-Chemikaliengruppen verboten. GOTS ist eines dieser Siegel, die sich nicht nur auf einen Teilbereich konzentrieren, sondern auf die gesamte textile Wertschöpfungskette – vom Anbau bis zum fertigen Produkt. Auch interessant: Der Siegelinhaber ist eine gemeinnützige GmbH, die ursprünglich von der Working Group on Global Organic Textile Standards gegründet wurde. Diese ist ein Zusammenschluss verschiedener Organisationen, die eine umweltverträgliche und sozial verantwortliche Textilproduktion verfolgen.

Als nächstes auf der Liste steht das Siegel IVN Best, das als das ökologisch strengste Siegel am Markt gilt und vom Internationalen Verband der Naturtextilwirtschaft vergeben wird. Dieses schließt Synthetikfasern ausnahmslos aus und steht für die umweltverträgliche sowie sozial verantwortliche Herstellung, aber eben auch Verarbeitung von Naturfaser-Textilien. IVN Best wird von Expert*innen als besonders glaubwürdig eingeschätzt und reguliert ebenfalls die gesamte Wertschöpfungskette vom biologischen Anbau bis hin zum finalen Kleidungsstück. Das dritte Siegel in unserer Vorstellungsrunde ist OEKO-TEX Made in Green von der Internationalen Oeko-Tex® Gemeinschaft, die wiederum ein Zusammenschluss von Textilforschungs- und Prüfinstituten ist. Dieses Siegel bezieht sich sowohl auf die Herstellungs- als auch auf die Nutzungsphase, kennzeichnet Pieces, die umweltfreundlich sowie sozialverträglich gefertigt wurden, und hat sich das Ziel gesetzt, die Reduktion von Schadstoffen voranzutreiben. Konsument*innen haben übrigens dank einer Produkt-ID die Möglichkeit, zurückzuverfolgen, in welchen Produktionsbetrieben und Ländern das gekennzeichnete Kleidungsstück hergestellt wurde. 

Natürlich ist bei jedem noch so guten Siegel immer noch Luft nach oben, weswegen sie auch in bestimmten Zeitabständen überarbeitet und angepasst werden. Und die perfekte Lösung gibt es sowieso nicht, weil sich immer ein Punkt findet, der eben nicht zu hundert Prozent passt. Aber wer kann da überhaupt noch den Durchblick behalten? Damit wir im Meer voller Zertifizierungen nicht überfordert werden, wurde Siegelklarheit, eine Initiative des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, ins Leben gerufen. Diese listet nicht nur verschiedene Siegel auf, sondern hat diese auch unter den Gesichtspunkten Glaubwürdigkeit, Umweltfreundlichkeit und Sozialverträglichkeit überprüft sowie bewertet. Wenn ihr also gerade in eurem Lieblingsladen vor einem potenziellen Anwärter für den Kleiderschrank steht, könnt ihr die jeweilige Kennzeichnung via App checken und mehr darüber erfahren.

Jetzt wollt ihr bestimmt auch wissen, wie es mit Siegeln eigentlich bei WYST aussieht und wir möchten euch diesbezüglich nichts vorenthalten. Natürlich würden wir auf unserer Kleidung gerne Zertifizierungen wie GOTS sehen, das ja weltweit eines der führenden Standards ist, was ökologische und soziale Bedingungen angeht. Hier gelten sehr strenge Kriterien, die nachgewiesen und komplett erfüllt werden müssen, um Artikel letztendlich damit labeln zu dürfen. Die Produktionsstätten unserer Textilmanufaktur global tactics erfüllen ja bereits hohe Umwelt- und Sozialstandards. Trotzdem ist eine Zertifizierung nicht bei jedem einzelnen Kleidungsstück möglich, weil zum Beispiel der Einsatz von mindestens 70 Prozent Naturfasern nicht bei jedem Piece gewährleistet ist, vor allem, wenn es sich um aufwendige Designs handelt. Da würde es manchmal viele Jahre an Entwicklungsarbeit brauchen, um nachhaltige Lösungen für bestimmte eingesetzte Stoffe und spezielle Verfahren zu entwickeln. Es kann also gut sein, dass wir mit zertifizierten Zwischenprodukten arbeiten, das GOTS-Label aber am Ende doch nicht erhalten, weil nicht die gesamte Wertschöpfungskette zertifiziert ist. Pauschalaussagen werden wir in dieser Hinsicht nie treffen können, weil es immer von den verschiedenen Designs der Kollektionen abhängig ist. Unsere Textilmanufaktur prüft jeden einzelnen Entwurf, um dafür die nachhaltigste Lösung zu finden, die möglich ist, aber die ist eben nicht für jedes Produkt gleich. Hinzu kommt, dass bei mit GOTS zertifizierten Stoffen oft höhere Mindestmengen und eine kleinere Materialauswahl gelten.

Wenn aber ein Piece für das Siegel infrage kommt, wird es von einer externen Prüfstelle genau unter die Lupe genommen. Durchschummeln kann man sich hierbei nicht, weil die gesamte Wertschöpfungskette gecheckt wird, vom Anbau und der Herstellung der Fasern über die Weberei, Färberei, Konfektionierung bis hin zur Verpackung und dem Handel. Ihr könnt euch bestimmt vorstellen, dass das seine Zeit benötigt. Je nachdem wie ausgelastet eine Prüfstelle ist, kann der Prozess einige Monate dauern, was bei uns relativ knapp werden könnte. Wir planen zwischen den verschiedenen Kollektionen nämlich einen Abstand von etwa drei Monaten, der aber abhängig von verschiedenen Gegebenheiten variieren kann. Zudem würden auch noch Kosten aufgrund des zusätzlichen Aufwands auf uns zukommen. Deswegen müssen wir sehen, was die Zukunft bringt und mit dem Flow gehen, aber eins können wir euch versprechen: Wir bleiben immer transparent, ob mit oder ohne Siegel. 

Man könnte sich jetzt durchaus fragen, ob die Modeindustrie dann überhaupt Siegel braucht. Von meine Seite gibt es ein ganz klares Ja als Antwort, denn sie sind wichtige und unverzichtbare Wegweiser geworden, um die gesamte Branche in eine vertrauensvollere Richtung zu lenken und hohe Umwelt- sowie Sozialstandards auf internationaler Ebene voranzutreiben. Wenn immer mehr Unternehmen auf die richtigen Zertifizierungen setzen, können sie als gutes Vorbild vorangehen und langfristig etwas bewegen. Wer weiß, vielleicht sind Nachhaltigkeit und menschenwürdige Arbeitsbedingungen irgendwann keine Ausnahme mehr, sondern einfach das neue Normal. Wir wünschen uns jedenfalls, dass wir diesen Tag gemeinsam mit euch noch miterleben werden.