Schuster, mach doch einfach mal was Neues – Wenn es sein muss, auch ein Modelabel

Gerade erst, wenn man den Satz “Nicht noch ein neues Fashion-Label” zu Ende bringen möchte, ploppt schon wieder eins auf, in den Weiten der Promi-Sphäre, versteht sich. Aber wie gerechtfertigt sind die Sprünge der Stars in für sie unbekannte Gewässer eigentlich und kann ein bekannter Name das fehlende Know-how ersetzen? Ein Gedankenanstoß.

Ich habe bereits vor einigen Monaten einen Online-Artikel über die Modelinie von Boris Becker gelesen, der mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf gegangen ist. Vielleicht weil der Artikel, wie zu erwarten war, alles andere als positiv ausfiel. Ganz sicher aber, weil ich mich durch meine Tätigkeit als Sängerin und Moderatorin, die jetzt auch ein eigenes Modelabel hat, angesprochen gefühlt habe. Boris und ich stehen somit jetzt quasi auf derselben Seite. 

Im besagten Online-Artikel stellt die Autorin die eher rhetorische Frage, warum Herr Becker, den sie bisher nicht wirklich als modebewussten Menschen wahrgenommen hat, sich plötzlich dazu berufen fühlt, ohne jegliche Vorkenntnisse in die Fashion-Branche einzusteigen. Rhetorisch ist die Frage deshalb, weil die Antwort für sie schon auf der Hand liegt, sie eröffnet mir als Leser*in zwei Möglichkeiten: Entweder denkt der ehemalige Tennisstar, eine eigene Modelinie rauszubringen wäre, sogar ohne Modestudium oder Schneiderlehre absolviert zu haben, mega easy, oder Bumm-Bumm-Boris ist überzeugt davon, dass allein sein Name den Erfolg schon mit sich bringen wird.

Als ich den Artikel zu Ende gelesen habe, bin ich fast schon sauer und empfinde die Autorin als wahnsinnig ignorant. Sie erinnert mich sofort an all diese Musikredakteur*innen aus meiner Zeit bei “Jennifer Rostock”, die schlimme Reviews über unsere Alben abdruckten, ohne, so schien es jedenfalls, sie auch nur einmal ganz durchgehört zu haben. Kann es vielleicht sein, dass unsere Verfasserin früher selber gerne ein eigenes Modelabel gegründet hätte? Als ich jedoch versuche ihre Sichtweise auf mein Metier zu adaptieren, erschrecke ich mich kurz, denn auf einmal sind ihre Aussagen gar nicht mehr so weit weg von meinen, wenn ich Freund*innen frage, warum jetzt eigentlich so viele Schauspieler*innen denken, sie könnten mal eben in die Musikbranche einsteigen, als wäre es das Einfachste der Welt. Und ich kann nur erahnen, wie sich vielleicht einige Schriftsteller*innen fühlen, wenn jede*r zweite Musiker*in heutzutage eine Biografie rausbringt und damit die Bestsellerlisten anführt. 

Das Einfachste wäre jetzt natürlich, so wie ich es anfänglich auch getan habe, alles mit Neid oder Missgunst zu erklären. Will ich vielleicht in meinem tiefsten Inneren doch Schauspielerin werden? Oder ist das die Angst, die aus mir spricht, von jemandem übertroffen zu werden, der doch vermeintlich gar nicht weiß, was er da tut? Aber nein, so easy ist das dann doch nicht. Für mich hat der Erfolg einer Person nichts mit dem Misserfolg einer anderen zu tun, wir können alle nebeneinander existieren, ohne uns in die Quere zu kommen oder uns etwas wegzunehmen. “Konkurrenz belebt das Geschäft”, wie man so schön sagt, ist für mich nicht nur eine Phrase. Wettstreit mit anderen lässt uns erkennen, wo wir stehen, wie wir uns von anderen unterscheiden und kann uns, wenn nötig, auch mal einen fehlenden Motivationsschub liefern. Konkurrenz, egal ob sie aus den eigenen Reihen kommt oder nicht, ist für mich durchaus etwas Positives. 

Trotzdem höre ich mich sagen, dass Schauspieler*innen wohl denken, dass sich jeder vor ein Mikrofon stellen kann – Autotune wird’s schon richten – und dass ein bisschen mehr zum Künstler*innen-Sein gehört, als gute Produzent*innen und Songwriter*innen fürs Auf-den-Leib-Schreiben von Songs zu bezahlen. Ja. Und diese Aussagen kommen dann von einer Musikerin, die keine Gesangsausbildung hat, kein Instrument spielen kann und auch noch keinen Song alleine geschrieben, geschweige denn produziert hat. Manchmal muss ich echt über mich selber schmunzeln. Also: Warum bitteschön denke ich, meine Musik wäre „mehr wert“ als die von Schauspieler*in XY? 

Diese Frage hat mich eine ganze Zeit lang beschäftigt, aber ich glaube, ich kenne jetzt des Pudels Kern. Die meisten Prominenten, die man so kennt, haben sich in einem bestimmten Berufsfeld ihren Namen gemacht, sagen wir Schauspielerei, Musik oder Sport, um mal bei unseren Beispielen zu bleiben. Wenn diese Menschen dann wagen, einen Schritt aus ihrer Komfortzone zu gehen, tun sie das nicht sofort am Anfang ihrer Karriere, sondern oft eher am vermeintlichen Ende. Als außenstehende*r Beobachter*in bekommt man dann nämlich das Gefühl, dass die Karriere in dem Berufsfeld, in dem sie gestartet sind, quasi beendet ist und dass sie jetzt mit einem neuen Job in der Öffentlichkeit krampfhaft versuchen, ihren bisherigen Status aufrecht zu erhalten, sowohl auf dem Bankkonto als auch in den Medien. Aber könnte mir das nicht auch egal sein? Ja, könnte es, ist es mir aber leider nicht, weil Fame und Geld einfach nicht der Antrieb sein sollten, um einen neuen Berufsweg einzuschlagen. Dass es aber noch so viele andere Arten der Motivation gibt, sich in einer neuen Branche auszutoben, kommt mir erst mal nicht in den Sinn und das ist richtig dumm. Ich selber beschwere mich immer von Menschen, die mich nicht kennen, beurteilt zu werden und dann mache ich genau das Gleiche. Vielleicht kann Schauspieler*in XY schon seit frühster Kindheit Gitarre spielen, hat mit fünf Jahren schon erste Songs geschrieben, sich aber bis jetzt noch nie getraut, sie jemandem zu zeigen. Oder vielleicht besteht die Passion zur Musik noch gar nicht so lange, sie*er hat bis jetzt nur unter der Dusche gesungen, würde aber gerne den nächsten Schritt wagen. Wenn ich die Hintergründe für einen Jobwechsel nicht kenne, sollte ich auch nicht vorschnell darüber urteilen. Wir verbringen alle so viele Jahre unseres Lebens damit zu arbeiten, ich finde, der Beruf, dem wir nachgehen, sollte uns Spaß machen, wir sollten alle lieben können, was wir tun. Neue Wege zu gehen, kann so hart sein, alle Menschen, die diesen Schritt wagen, haben meinen vollsten Respekt dafür verdient.

Wenn es also die verschiedensten Gründe für eine berufliche Neuorientierung gibt, sollten wir auch in Erwägung ziehen, dass – in diesem Fall – Boris Becker vielleicht einfach nur richtig Bock darauf hatte, Mode zu machen. Ganz ohne Hintergedanken. Nicht wegen der Aussicht auf den schnellen Euro, nicht weil er den für ihn einfachsten Weg gehen wollte und auch nicht, weil er dachte, sein Name würde ihm den Einstieg in die Modewelt schon ermöglichen. Denn seien wir mal ehrlich, Ruhm allein kann vielleicht Türen öffnen, aber am Ende bestimmt dann doch wie überall die Nachfrage das Angebot. “BB Style” – so der Name von Boris’ Marke – wird Erfolg haben, wenn es genug Menschen gibt, deren Geschmack sich mit dem Output des Labels überschneidet – und nicht nur weil das “BB” für Boris Becker steht. Nach dieser Logik hätte sonst ja auch in seiner Vergangenheit alles zu Gold werden müssen, was der Unternehmer anfasste. Seine Investitionen in Autohäuser oder die Gründung der Sportgate AG belegen allerdings das Gegenteil. 

Nun habt ihr es euch wahrscheinlich schon die ganze Zeit gedacht: Ich schreibe diesen Beitrag nicht, um Boris und sein Modelabel zu verteidigen, sondern weil der oben genannte Artikel eben auch über mich und mein Modelabel hätte handeln können. Ich habe auch keine Vorkenntnisse in Modedesign, kann weder zeichnen noch nähen, aber habe gerade meine eigene Brand gelauncht. Somit muss ich der Autorin des anfänglich genannten Artikels also wenigstens in einem Punkt zustimmen: Irgendwie kann jetzt wohl jede*r ein Modelabel gründen. 

Die Herausforderung liegt aber nicht nur darin, Gründer*in zu sein, denn dafür braucht es nichts weiter als eine Unterschrift auf einem Blatt Papier. Es geht meiner Meinung nach vielmehr darum, gut in dem zu sein, was man tut, den richtigen Nerv zu treffen und Menschen mit seinem Schaffen zu bewegen. Und während ich diese Zeilen schreibe, muss ich schon wieder ein wenig schmunzeln, weil ich ich mich irgendwie wie die Autorin eines Ratgebers á la "Gut gründen – in 10 Schritten zum Erfolg" anhöre. In Wahrheit stehe ich aber selber noch ganz am Anfang dieser hoffentlich langen Reise. Was ich bis jetzt aber schon aus meiner bisherigen Karriere weiß, ist, dass meine Reputation als Sängerin von Jennifer Rostock alleine nicht ausreichen wird, um wirklich Fuß in der Modewelt zu fassen. Ich weiß auch, dass der Weg bis hier her zu keinem Zeitpunkt leicht war und wohl auch in Zukunft nie sein wird, was total okay ist, weil ich bereit bin, für etwas, an das ich glaube, hart zu arbeiten. 

Natürlich kann ich nicht wissen, wie es um Boris Becker steht, aber ich mache das hier in erster Linie aus Liebe zur Mode. Es ist einfach fantastisch, jeden Tag aufs Neue Künstlerin und Leinwand gleichzeitig zu sein. Ich mache das, weil ich selber einen Need für genau das hier verspürt habe und ich weiß, dass ich damit nicht alleine sein kann. Ich mache das, weil ich eine einzigartige Idee hatte, die ich so noch niemals zuvor irgendwo gesehen habe. Und ich mache das hier, weil ich ein starkes Team hinter mir habe, das die Leidenschaft für Mode und die Vision von WYST mit mir teilt. 


Ich mache das hier.

Und wenn’s dann nicht funktioniert, muss es echt an euch liegen. :)