Ich seh den Wald vor lauter Kleidung nicht! – Über unsere Umwelt, unsere Mode und mehr Bewusstsein

Für unseren Planeten ist es fünf vor zwölf, für uns ist es längst an der Zeit, das eigene Handeln als Konsument*in in der Modebranche zu überdenken. Warum wir die Augen nicht verschließen dürfen und alle etwas besser machen können…

Es ist schon absurd: Von Saison zu Saison fließen Unmengen Kohle und Ressourcen in Modenschauen, damit für zehn Minuten gezeigt werden kann, was ein paar Monate lang Trend ist. Wir durchforsten Online-Shops nach Must-haves, “die unbedingt in deinen Kleiderschrank gehören” (QVC-Werbestimme off), und verlieren uns in der unendlich großen Auswahl an Kleidung der fancy Modeindustrie. Wenn wir die Münze mal umdrehen, sehen wir schwarzen Qualm aufsteigen, während Ölpfützen langsam kleine Teiche bilden. An Orten, wo diese schillernde Welt mit den vielen Produktionsstätten ihren Ursprung hat, wo das entsteht, was uns später ganz nah am Körper ist. Und das kommt nun einmal nicht ohne seinen Preis, denn Mikroplastik, der Einsatz von Pestiziden sowie giftige Chemikalien und der enorme Wasserverbrauch, um nur wenige Beispiele zu nennen, werden uns noch einiges kosten. Die Klimakatastrophe droht, wir alle haben unseren Teil dazu beigetragen und wir müssen es auch nicht schönreden: Mode ist ein Umweltsünder. 

Klingt nach einem dieser ganz schlimmen Tagesberichte in den Nachrichten der Öffentlich-Rechtlichen, der an die Nieren geht, den man einfach nur abschalten will oder wenigstens wegschauen. Bad News, aber für unsere Welt gibt es weder einen Pauseknopf noch eine Rückspultaste, weswegen wir uns wohl oder übel damit auseinandersetzen müssen. Damit erzähle ich ja gar nichts Neues, aber Hand aufs Herz, obwohl man weiß, was mit dem heutigen Konsumverhalten auf dem Spiel steht, tut man sich mit der Veränderung trotzdem schwer – als Einzelperson und als Gesamtheit. Stellen wir uns doch mal vor, unsere Gesellschaft bzw. Politik wäre ein Schiff, das in eine bestimmte Richtung steuert und wir, die Individuen, fahren als Passagiere mit. Dann wäre es für uns auch nur begrenzt möglich, eine andere Richtung einzuschlagen, hörte man einen Klimaforscher mal so ähnlich bei einer “Fridays for Future”-Veranstaltung sagen. Heißt, wir brauchen mehr als nur einzelne gute Vorsätze. 

Wie unbefangen man in dieser Sache doch noch in früheren Jahren war. Wenn ich mich zurück an meine Jugend erinnere, an die Zeit, in der ich angefangen habe, mich für Mode zu interessieren, habe ich hinter Kleidung nie eine Geschichte gesehen und damit meine ich nicht, dass sie keine Message hatte, sondern dass ich ihren Lebensweg nicht erkannt habe, weil mir der Haben-wollen-Impuls die Sicht verdeckt hat. Aber andererseits hat meinem naiven Ich damals auch niemand gesagt, dass meine Hose auf irgendeine Art und Weise überhaupt mit der Umwelt in Verbindung stehen würde. Mal ganz ehrlich, als Teenie, der jeden Camouflage-, Schlaghosen- und Plateauschuh-Trend hinterhergelaufen ist, hatte ich weder Berührungspunkte mit der Produktion noch eine Vorstellung davon, vor welchen Challenges und Problemen die Modebranche, geschweige denn unsere Gesellschaft steht. Und wo war damals eigentlich die öffentliche und mediale Transparenz und Ehrlichkeit der vielen Brands? Als ob wir Anfang der 2000er in einer rosaroten Blase gelebt hätten, wo Kleidung einfach wie von Zauberhand entstanden und in den Stores gelandet wäre. Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich erwachsen, älter geworden bin, aber sicherlich auch an diversen Bewegungen, die heute unser Bewusstsein prägen, und so kam irgendwann, wenn auch ziemlich spät, das Verständnis dafür, dass ein einziges Kleidungsstück, ob Schlüpfer oder Socke, Teil eines Kreislaufs ist und dass es nicht nur Bedeutung hat, wenn wir es kaufen und tragen, sondern auch bereits davor und noch lange danach. 

Bei der Erkenntnis haben wohl auch die Globalisierung und Digitalisierung ihren Teil dazu beigetragen, die eben Sichtbarkeit mit sich gebracht haben, also können wir heutzutage nicht sagen, dass wir es nicht wussten. Wir haben wenigstens mal aufgeschnappt, dass die Modeindustrie der zweitgrößte Umweltverschmutzer auf der Erde und der Ölindustrie somit dicht auf den Fersen ist. Uns ist auch klar, dass die Fashion-Branche ganz allgemein zur Umweltverschmutzung beiträgt und dass Kleidung Ressourcen benötigt, die wir uns einfach von der Natur nehmen. Aber bei manchen Hard Facts, auf die wir bei der Recherche gestoßen sind, hat es uns trotzdem vom Hocker gehauen: Laut der Ellen MacArthur Foundation verbraucht die Modeindustrie jährlich rund 93 Milliarden Kubikmeter Wasser. Wie viel das wirklich ist, liegt definitiv außerhalb der menschlichen Vorstellungskraft, aber haltet euch einfach mal 37 Millionen olympische Schwimmbecken vor Augen. Ja, schwierig…

Aber das war noch nicht alles: Laut Greenpeace werden allein durch Herstellung, Warentransport und den Gebrauch von Kleidung, also waschen, trocknen und bügeln, jährlich mehr als 850 Millionen Tonnen CO2-Emissionen verursacht. Trotz dieser Zahlen muss man sich vor Augen halten, dass ein großer Teil der Produktionen der Müll von morgen ist. Es ist kein Geheimnis, dass manche Designermarken die Restbestände einer Saison einfach verbrennen lassen, wodurch sich jegliche Wertschätzung in der Luft auflöst, was Rohstoffe, Wasser, Zeit, Aufwand und Geld angeht. Es ist einfach zu viel – 2014 wurden sogar erstmals mehr als 100 Milliarden Kleidungsstücke neu produziert. Obwohl die Kleiderschränke voll sind, wird aufgrund von Rabatten und Fast-Fashion-Preisen auch fleißig gekauft, Kleidung aber oftmals nur kurz oder überhaupt nicht gebraucht. Ein Beispiel: Pro Jahr shoppt jede*r Deutsche ca. 60 neue Kleidungsstücke, trägt sie allerdings nur noch halb so lange wie vor 15 Jahren. Welchen Wert hat also das hundertste Trend-Piece, das man auch noch haben muss?

Hinzu kommt, dass sich synthetische Mikrofasern in der Waschmaschine auflösen, dann in Flüssen sowie Meeren landen und dort langfristig ihre Spuren hinterlassen. Es ist eine toxische Beziehung, die wir mit der Mode führen, denn bei der Herstellung von Textilien werden über 70 gesundheits- und umweltgefährdende Chemikalien eingesetzt, während der Gebrauch von giftigen Pestiziden und Dünger die Umwelt belastet. Es mag uns vielleicht nicht bewusst sein, aber an allen Ecken lauert ein Problem. Die Modeindustrie ist auch, sagen wir mal, enorm energiebedürftig, weil allein das Licht in riesigen Fabrikhallen, der Betrieb von Maschinen und der Transport der Ware nun einmal Antrieb brauchen – und der kommt noch viel zu oft von fossilen Energieträgern. Also jene nicht erneuerbare Energie, die von Brennstoffen gewonnen wird und sich letztendlich wegen des enthaltenen Kohlenstoffs als Treibhausgas Kohlendioxid in der Atmosphäre anreichert. Und dann kommt direkt noch eine schlechte Nachricht hinterher, denn wenn die Fashionbranche und ihre Konsument*innen den Weg hin zum Umweltschutz nicht drastisch ändern, werden wir das Ziel der Emissionsminderung 2030 laut “Fashion on Climate” um glatte 50 Prozent verfehlen und somit die Erderwärmung noch beschleunigen! Puh, jetzt erst einmal alles sacken lassen, obwohl das ja noch nicht einmal alles ist…

Wir sind jetzt nun mal in dieser Situation, daran gibt es nichts zu rütteln, aber der Umgang damit lässt sich sowohl auf Konsument*innen- als auch auf Herstellerseite noch deutlich upgraden. Und damit kommen wir auch endlich zu uns und wie wir unseren Teil dazu beitragen möchten. Wie wir bei WYST mit dem Thema Nachhaltigkeit konkret umgehen, erfahrt ihr im zweiten Teil dieses Artikels mit dem Namen “Nachhaltigkeit, eine Reise, die nicht endet – Wie WYST jetzt und künftig umweltbewusst handeln will”.