In der Challenge steckt der Reiz – Designerin Loli im Interview

Sie bezeichnet sich selbst als ‘ne Jute mit frechem Mundwerk und als Dorfkind, eines, das bereits extreme Punk-Zeiten hinter sich hatte, temporär das Großstadtleben ausprobiert hat und jetzt gerade in der Modeindustrie als Strick-Uschi (ja, wieder eine Selbstbezeichnung) mit Vorliebe für Muster, Codes und Challenges angekommen ist. Irgendwie stand das trotz Umweg ja bereits in den Sternen geschrieben, denn Fashion und insbesondere Knitwear gehören nicht nur zu ihrer Ausbildung, sondern sind vor allem auch ihre Expertise und Leidenschaft. Darf ich vorstellen: Loli!

Da sie eine von unseren drei Designer*innen und somit wichtiger Bestandteil von WYST ist, sollt ihr sie natürlich etwas näher kennenlernen. Wer sie ist, was sie ausmacht und welcher Weg sie hierher geführt hat, erzählt sie euch in eigenen Worten. 

Loli, als Designer*in hast du ja ein gutes Händchen für Mode. Wurde dir das schon in die Wiege gelegt bzw. wie bist du darauf eigentlich gekommen?

Jetzt kommt die klassische Geschichte, die man kennt, aber wirklich wahr ist: Ich wollte schon immer Modedesignerin werden. Ich glaube, ich habe meine Lehrerin in der ersten Klasse gefragt, ob ich es schaffen kann und ihre Antwort war nur: „Ja, wenn du dich anstrengst."

Also hat die Leidenschaft für Mode schon sehr früh in dir geschlummert, aber wie hast du sie als Teenager ausgelebt?

Ich bin immer total irre rumgelaufen, ob farblich oder technisch, und hatte auch optisch sehr extreme Punk-Zeiten. Da kann man sich natürlich vorstellen, dass es heiß herging. Dadurch fing es auch damit an, dass ich Klamotten selbst hergestellt habe, Stichwort DIY und F*ck the Fashion Industry.

Damit sich unsere Leser*innen auch stilistisch eine Vorstellung von dir machen können: Wie würdest du deinen Stil im Vergleich dazu denn heute beschreiben?

Durchaus noch Punk-lastig, vielleicht etwas dunkler, aber auch etwas burschikos. Ich bin schon in die Richtung MOD, Sixties, Vintage.

Gab es bestimmte Einflüsse, die dich in diese Richtung gelenkt haben?

Ich hatte immer Punker-Kumpels, habe damals auch in einer Band gesungen und dann gab es diesen britischen Einfluss. Also wenn ich jetzt zusammenfassend meinen Stil beschreiben würde, wäre es Vintage-Britisch.

Die Band-Zeiten hast du hinter dir, aber singst du heute trotzdem noch?

Nein, aber von singen kann auch keine Rede sein, denn es war eine Hardcore-Band und ich habe halt rumgeschrien.

Okay, dann lenken wir die Aufmerksamkeit wieder auf die Mode. Wie kam es nach und nach dazu, dass du damit eine Karriere verfolgt hast?

Mir wurde während meiner Schulzeit schnell klar, dass ich Modedesign studieren möchte und dass es auf jeden Fall etwas Künstlerisches wird. Dann habe ich das Studium in Hannover angefangen und so wurde auch klar, dass ich mich für einen Weg entschieden habe. Im vierten Semester hatten wir ein Praktikumssemester und das habe ich in Berlin absolviert, weswegen ich ich auch dortbleiben wollte – also habe ich die Hochschule gewechselt und den Abschluss in Berlin gemacht. 

Viele Absolvent*innen kommen dann an den Punkt, wo sie sich fragen, wie es weitergehen soll. Eigenes Label oder doch lieber erst einmal woanders arbeiten? Wie war das bei dir?

Mir war klar, dass ich kein eigenes Label möchte, weil man echt Existenzprobleme bekommt, wenn man aus dem Nichts etwas starten will. Ich habe in meinem Praktikumssemester gesehen, was das für eine Arbeit ist, was das alles beinhaltet und was für ein Struggle das teilweise sein kann. Außerdem braucht man natürlich auch ein gewisses Budget, was nicht jeder hat.

Ich mag auch das Angestelltenverhältnis und habe überhaupt kein Problem damit. Kreativität ist für mich etwas ganz Spezielles, ich muss nicht unbedingt meine eigenen kreativen Vorstellungen umsetzen, sondern kann auch die Kreativität von jemand anderen umsetzen, was man auch als Designer*in können muss.

Stimmt, vor allem muss man dafür auch offen sein, aber wie ging es dann weiter?

Ich bin nach meinem Studium ein halbes Jahr nach New York gegangen, um zu arbeiten und eine Art Praktikum zu machen. Das war ziemlich cool, hat viel Spaß gemacht und ich habe in Amerika so viel gelernt, auch über mich selbst. Ich bin wiedergekommen und mir war klar, dass ich kein Modedesign mehr machen möchte, eben weil es so krass dort war. Es war nicht schlecht, aber es hat mir die Augen geöffnet. 

Ich wusste einfach nicht mehr, ob ich da reinpasse, weil ich ja doch eher liberal bin. Ich liebe mein Privatleben, ich brauche Ruhe, den Wald jeden Tag und wollte unbedingt die Hunde haben. Das alles geht nicht Hand in Hand mit Fashion, High-Life, Mailand, Paris, es ist also schwierig. 

Dann kamst du wieder zurück und hast eine Zeit lang erstmals keine Mode gemacht. Wie bist du dann doch letztendlich bei WYST gelandet?

Ich habe ab und zu hin und her gejobbt und irgendwann angefangen, im Baumarkt an der Kasse zu arbeiten, was eigentlich der geilste Job ever war. Es hat so Spaß gemacht, ich hatte tolle Kunden und Kollegen, mit denen ich teilweise immer noch befreundet bin. Dann hat es ziemlich zeitgleich stattgefunden, dass Jennifer mich gefragt hab, ob ich mir eine Designerposition bei WYST vorstellen könnte. 

Außerdem lag mir eine andere Freundin, für die ich auch arbeite, immer schon ein bisschen in den Ohren. Bei ihr hatte ich nämlich schon einmal ein Praktikum während des Studiums gemacht und wir funktionieren einfach super zusammen. Sie hat mich immer wieder gefragt, ob ich nicht Lust hätte, bei ihr zu arbeiten. Mir war klar, dass ich mir jetzt echt mal Gedanken machen muss, denn jetzt waren ja schon zwei Anfragen für mich auf dem Tisch.

Letztendlich hast du zu beidem ja gesagt und bist jetzt Teil des Designer*innen-Teams von WYST und hast hier auch eine ganz spezielle Aufgabe. Erzähl uns gerne mehr darüber. 

Ich bin, sozusagen, die Strick-Uschi und kümmere mich um Knitwear, weil es das ist, was ich am besten kann. Außerdem ist es etwas, wovon nicht jeder super viel Ahnung hat. Viele können vielleicht ein bisschen stricken oder Handarbeit, aber darüber hinaus muss man schon auch Fachwissen haben, was mir super doll Spaß macht.

Gibt es einen bestimmten Grund, warum du dich auf Knitwear spezialisiert hast?

Ich habe ganz früh stricken gelernt, ich glaube, mit sechs Jahren – und seitdem habe ich nicht aufgehört zu stricken. Irgendwann ist es mir wie ein Universum aufgegangen, dass man mit Codes und Mustern arbeiten kann und ich habe sozusagen entdeckt, wie Strickmuster geschrieben aussehen. Ich musste mir das regelrecht übersetzen, weil diese Muster in Abkürzungen geschrieben werden. Dadurch habe ich mich echt wie der Riddler gefühlt, weswegen auch mein Instagram-Name “The Knittler” entstanden ist. Jedenfalls hat sich da eine Tür für mich geöffnet, aber das war ein schleichender Prozess, der über ein paar Jahre ging. 

[Anmerkung der Redaktion: Der Riddler ist eine fiktive Figur, die regelmäßig in Comics des DC-Verlags, unter anderem bei „Batman“, auftritt und besessen von Rätseln jeder Art ist.]

Du hast ja gesagt, dass du gerne die Kreativität von anderen umsetzt. Wie würdest du dann den Stil der Designs beschreiben, die du persönlich im Kopf hast?

Das ist meistens die interessante Mischung und bezogen auf WYST macht mich genau das aus – dass ich persönlich nicht unbedingt den Stil habe, den Jennifer hat, aber so wird ihre Idee von jemanden umgesetzt, der ganz andere Bilder im Kopf hat. Es ist nicht so, dass ich etwas entworfen habe und sie direkt gesagt hat, genau das ist es, aber das zu erarbeiten, ist wieder dieses Riddler-Ding und ein Code, den ich umsetzen muss. Genau an diesem Getüftel habe ich Freude und am Ende ist sie zufrieden, ich habe es gut umgesetzt – geil. Es ist eine Challenge.

Woraus schöpfst du eigentlich Kraft für dich und deine Kreativität?

Hundertprozentig aus der Natur. Ich bin ein sehr naturbezogener Mensch, liebe es mit meinen beiden Hunden im Wald zu sein und brauche das auch täglich. Ich lasse dann mein Handy zuhause und habe anderthalb Stunden für mich. Meine beste Freundin hat zwei Pferde in Oranienburg, wohin ich super gerne mit den Hunden fahre und dann ist es wie ein Kurzurlaub für das Brain, was ich auf jeden Fall brauche. 

Du bist also nicht das typische Stadtmädchen … 

Überhaupt nicht, ich bin ein richtiges Dorfkind und bin das auch schon immer gewesen.

Wovon lässt du dich inspirieren?

Auch von der Natur. Ich bleibe zum Beispiel super oft vor irgendwelchen Birken stehen, weil sie Flechten kriegen und sozusagen immer größere Hautschuppen bekommen, wenn sie alt sind. Das fotografiere ich gerne, weil ich die Struktur so toll finde, oder bemerke bestimmte Farben, die einfach aus der Natur entstanden sind. 

Ich weiß, komische Frage, aber wie würdest du dich einer fremden Person beschreiben?

Ich würde sagen, dass ich ‘ne Jute, aber ein bisschen asozial bin. (lacht) Ich bin halt ein Schandmaul, aber im Grunde meines Herzens bin ich ein ganz liebes Mädchen, denn ich meine es nur gut. Ich bin aber auch gerne alleine, brauche nicht viel um mich rum und bin ein sehr privater Mensch – ich trage das Herz nicht auf der Zunge. 

Danke dafür, dass du dich uns gegenüber trotzdem sehr geöffnet hast. Wie sieht es eigentlich mit Hobbies fernab der Mode aus?

Meine Hunde sind mein größtes Hobby, außerdem lese ich super gerne und liebe Fachliteratur, die sich natürlich auch oft um Hunde dreht – ist ja klar. Ich gehe gerne wandern, liebe Gartenarbeit und bin ich so krass spießig geworden, seit wir den Garten haben. Hätte mir vor 15 Jahren jemand gesagt, dass ich irgendwann mal eine Einsiedlerin werde und meinen Garten und meine zwei Hunde habe, hätte ich das niemals geglaubt. Ich hätte wahrscheinlich gesagt, dass ich für immer Party machen werde.