“Wenn Perfektionismus erfordert ist, gibt es keine halben Sachen” – Chefdesigner Sebastian Simon im Interview

Schaut man sich seinen bisherigen Weg an, wird schnell klar, dass Sebastian Simon keiner ist, der einfach stehen bleibt. Es liegt wohl in seinem Naturell, dass er sich unabhängig von verschiedenen Begebenheiten immer weiter nach vorne treibt, denn der Stylist und Kostümdesigner ist, was man ganz klassisch einen Macher nennen würde. Schon von klein auf juckte es ihn in den Fingern und so wurde seine Leidenschaft, die Mode, die Ästhetik, das Kreative als großes Ganzes bereits in frühen Jahren zum Handwerk, das er über die Jahre weiter ausbaute.

Als Chefdesigner von WYST hat er jetzt einen ganz persönlichen Meilenstein erreicht, über den er mit uns im Interview spricht. Wie vielseitig seine Karriere ist, inwiefern er sich für Frauen stark macht und warum er sich eigentlich manchmal besessen nennt, wollen wir natürlich auch erfahren. 

Sebastian, ganz altmodisch gesagt, bist du bei WYST quasi der Hahn im Korb, weil du bisher der einzige Mann im Frauenteam bist. Wie ist es für dich, nur mit Frauen zusammenzuarbeiten?

Ich bin sehr gern von Frauen umgeben und es ist fantastisch, mit den Girls zusammenzuarbeiten, weil wir alle unterschiedliche Kompetenzen mitbringen und wir uns gegenseitig mit neuen Ideen pushen. Ich fühle mich nicht wie ein Aussätziger oder so, sondern als gleichwertiges Mitglied unseres Teams, denn es spielte auch nie eine Rolle, dass ich ein Mann bin.

Mit Frauen zu wachsen und um eine gemeinsame Sache zu kämpfen, ist ein tolles Gefühl, denn bei WYST wollen wir ein Stück weit aufklären und Frauen würdigen, die sich aus der Norm herausheben, aber nicht genug Aufmerksamkeit bekommen haben. Ich liebe Frauen und wir wollen mit Frauen kämpfen, ihre Schönheit zelebrieren und ihre Stimme immer lauter und lauter werden lassen, was einfach großartig ist. Frauen an die Macht!

Eine bestimmte Frau war ja auch der Auslöser, warum du letztendlich bei WYST gelandet bist bzw. überhaupt Jennifer kennengelernt hast …

Ja, richtig, Jennifers Managerin Shija Cherian hat mich vor ein paar Jahren für die Abschlusstournee von Jennifer Rostock angefragt und uns bekannt gemacht. Bei uns beiden stimmte der Vibe sofort und dann durfte ich die zehnjährige Bandgeschichte von Jennifer Rostock in Outfits zusammenfassen und neu interpretieren. Was für ein geiler Auftrag, sag ich dir.

Zur Recherche jede*r Künstler*in gehört für mich, dass ich mich musikalisch einstimme und mit de*r Künstler*in auseinandersetze. Also habe ich Jennifers alte Platten gehört, gesoffen, geraucht und habe durch mein Atelier gerockt. Die Mukke und die klugen Texte feiere ich hart ab und die Arbeit an dem Projekt war für mich wie ein Flashback in meine wilden 20er. Ein paar Monate später rief Jennifer mich wieder an und erzählte mir von ihrem Plan, ein Modelabel zu gründen. Ich sagte sofort zu und bin heute ein stolzer Teil von WYST.

Bevor wir darauf näher eingehen, wollen wir erstmal etwas zurückspulen und uns deine Anfänge anschauen. Ganz banal: Wie hast du eigentlich deine Leidenschaft für die Mode entdeckt?

Ich war schon ganz früh irgendwie größenwahnsinnig, habe bereits als kleiner Junge Dinge inszeniert, Kostüme hergestellt, während meine Freunde für mich zum Beispiel bekannte Filmszenen nachstellen mussten. Ich mochte immer diesen Moment, wenn alles zusammenkommt und in dem etwas Magisches vor der Kamera passiert. Aus meinem Interesse an Filmkostümen entstand dann auch meine Liebe zur Mode. Zu dieser Zeit war ich besonders fasziniert von Vivienne Westwood und Alexander McQueen und so beschloss ich mit 14 Jahren meine erste eigene Modenschau zu entwickeln. 

Selbst entwickeln heißt in dem Fall, dass du die Outfits erst designt und dann mit der Nähmaschine deiner Mutter umgesetzt hast. Hast du dir das Handwerk eigentlich selbst beigebracht?

Genau, aber ich muss dazu sagen, dass meine Großeltern da sehr prägend waren. Ich bin jedes Wochenende zu ihnen in den Garten gefahren und habe sie mit meinen neusten Ideen auf Trab gehalten. Meine Oma hat genäht und mein Opa gebaut, also habe ich von ihnen mein handwerkliches Geschick und die unbändige Gier, etwas zu schaffen. Die beiden hatten immer alle Hände voll mit mir zu tun, aber sie haben es immer gern gemacht. Meine ganze Familie hat mich bei all meinen Vorhaben stets begleitet und unterstützt. Aber meine Mama war es, die mir meine gesamte Ausbildung ermöglicht und finanziert hat, wofür ich ihr bis heute sehr, sehr dankbar bin.

Da lag es sicherlich nicht fern, dass du irgendwann eben auch eine Karriere daraus gemacht hast. Wie waren deine ersten beruflichen Schritte in Richtung Mode?

In Rostock waren meine Karriereaussichten so begrenzt, dass mir schnell klar wurde, dass ich den Grundstein für meine Ziele selber legen und mir Erfahrungen für das, was ich später vorhatte, aneignen musste. Noch während meiner Ausbildung zum Friseur inszenierte ich eine Show namens „Löwenherz“, tourte mit meiner Clique von 20 Freunden durch Mecklenburg-Vorpommern und promotete mit ihnen eine Show nach der anderen. 

Nach der Ausbildung zog es dich dann nach Berlin, wo du Kostüm- und Bühnenbild studiert hast. Wie kam es dazu?

Ich wollte um jeden Preis verstehen, auf welche Art und Weise Kunst funktionieren kann, wie man mit Texten umgeht und daraus etwas entwickelt, was Betrachter*innen neue Sichtweisen aufzeigt. Das sollte meine größte Schule sein – ich war so falsch an diesem Ort und doch so richtig. Ich habe diese Zeit so sehr genossen, aber es gelang mir nicht immer Uni und Business unter einen Hut zu bringen, weil ich parallel angefangen habe für Marteria und seine Marsimoto-Crew Outfits zu entwickeln, Musikvideos auszustatten und meine ersten Fashion Editorials zu shooten.

Mein Professor hat mich irgendwann gefragt: „Was willst du eigentlich hier, wenn du nie da bist und gar kein Bock auf dieses Studium hast?“ Er wusste ja nicht, dass meine Outfits zu diesem Zeitpunkt schon die größten Bühnen Deutschlands bespielt hatten.

Deine Zusammenarbeit mit Künstler*innen aus der Musikbranche hat dich auch langsam zu deinem eigenen Label geführt. Worum geht es da?

HIGHWAYCHILD ist darauf spezialisiert, Künstler*innen für Bühnen und Musikvideos auszustatten, die spezielle Wünsche haben und etwas Einzigartiges wollen. Ich liefere meinen Klient*innen einen individuellen Rundum-Service – vom konzeptionellen Entwurf bis hin zur personalisierten Umsetzung. 

Nebenbei bist du ja auch noch als Stylist tätig, also gibt es bei dir keinen typischen Alltag, oder?

Ich kann Alltag überhaupt nicht ausstehen, davon gehe ich zugrunde. Ich brauche die ständige Abwechslung und die Möglichkeit, mich verschiedenen Projekten gleichzeitig zu widmen, weil ich dann umso kreativer werde.

Unter anderem kannst du deine Kreativität jetzt auch als Chefdesigner bei WYST ausleben. Wie ist das für dich?

Tatsächlich ist das etwas, was ich mir immer erträumt habe, aber ich hätte im Leben nicht gedacht, dass mir das jemals widerfährt, weil ich ja kein klassisches Modedesign-Studium habe. Das eröffnet mir eine ganze neue Welt und ich kann alle meine Fähigkeiten einfließen lassen. Am schönsten ist es aber, dass meine Entwürfe zum ersten Mal in Produktion gehen, was einen neuen Lebensschritt für mich bedeutet.

Was liegt dir bei der Arbeit an WYST besonders am Herzen?

Unser Leitsatz „Why you still talking?“ ist für mich eine Botschaft und eine Aufforderung, die global verstanden werden soll. Wenn du die Schritte der Herstellung in der Mode kennst, entwickelst du mehr Bewusstsein für die Natur und das sollte uns allen ein Anliegen sein, denn in jedem Kauf liegt eine Konsequenz. Mir ist das Bewusstwerden dessen und die Aufforderung, bei etwas mitzubestimmen und aktiv zu werden, besonders wichtig.

Deine Designs für WYST sind ja sehr urban und Fashion-forward. Wie würdest du hingegen deinen eigenen Stil beschreiben?

Ich fühle mich in einem lässigen Streetstyle-Look genauso wohl wie in Haute Couture. Mir ist es nur wichtig, dem Anlass entsprechend gekleidet sein. Ich möchte meinen persönlichen Stil aber gar nicht festlegen, weil ich am liebsten jeden Tag etwas Neues ausprobiere. 

Gibt es eigentlich etwas, was für dich als Designer typisch ist?

Wie soll ich es sagen? Ich bin manchmal ein bisschen besessen, denn wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, ist es einfach unmöglich, mich davon abzubringen. Bei mir gibt es auch kein „Das passt jetzt so“, weil für mich etwas entweder fertig oder perfekt sein muss – auf meine Art perfekt. Für mich muss nicht unbedingt alles perfekt sein, aber wenn Perfektionismus erfordert ist, dann gibt es keine halben Sachen.

Eine gute Portion Enthusiasmus und Umsetzungsvermögen gehören bei dir also dazu. Was macht dich noch aus bzw. wie würdest du dich einer fremden Person beschreiben?

Wer mich gut kennt, der wundert sich irgendwann über gar nichts mehr. Ich habe mir eine absolute Freiheit im Sein und Geist anerzogen, deswegen ist es eigentlich nicht drin, mir irgendetwas vorzuschreiben oder mich einzuengen. Ich bin halt ein Träumer und ein Macher, wie er im Buche steht. Ich bin vielseitig, geradeheraus und habe einen sehr guten Instinkt für die Dinge. Und ich würde keine Kosten und Mühen scheuen, um etwas zu erschaffen, von dem ich überzeugt bin.