“Ich bin bereit, außergewöhnliche Wege zu gehen” – Designerin Nicole Reiher im Interview

Eine Leidenschaft kommt selten allein und so sitzen bei Nicole Reiher gleich zwei große M’s in erster Reihe: Musik und Mode. Das eine ist ihr Ausgleich und Ruhepol, das andere hat sie zum Beruf gemacht. Beides gehört und gehörte irgendwie schon immer dazu, denn ihr Händchen für die Künste entdeckte die Vogtländerin bereits im frühen Alter. Über die Jahre führte sie ihr Weg in ein eigenes Atelier in Leipzig und jetzt auch ins Designer*innen Team von WYST.

Da sind wir doch gleich schon beim Thema, denn im Interview erzählt uns Nicole, wie sie damit, Achtung Spoiler, gerade ihren Traum lebt. Außerdem gewährt sie euch einen Einblick in ihre Karriere fernab von WYST und erklärt, warum sie gerne außergewöhnliche Wege einschlägt.

Nicole, als eine der Designer*innen bist du ja ein wichtiger Teil von WYST. Wie war bisher die Arbeit an diesem Projekt für dich?



Ich liebe die Zusammenarbeit, den kreativen Austausch und bin wirklich happy, mit einer langjährigen Freundin, also Jennifer, so etwas Außergewöhnliches erschaffen zu können und mit solchen einzigartigen Talenten zusammenarbeiten zu dürfen. Ich habe so viel gelernt, so viel Kreativität gespürt – es ist wirklich eine schöne Erfahrung für mich. Wenn ich richtig ehrlich bin, kann ich sagen: Ich lebe gerade meinen Traum.

Wann oder wie hast du für dich herausgefunden, dass dein Herz für die Mode schlägt?

Ich bin im Osten, genauer gesagt, im Vogtland mit dem Sound von Nähmaschinen und den Ölgeruch in der Nase aufgewachsen, weil meine Mama Schneiderin war. Ich hab sie öfter in der Firma, in der sie gearbeitet hat, besucht und bin dann in das Ganze reingekommen und wusste, dass ich das auch irgendwann machen will. Die Liebe war für mich geweckt und dann habe ich mit ca. zwölf Jahren angefangen, eigene Kleidungsstücke aus Stoffresten für meine Puppen zu nähen. 

Wusstest du von da an, dass du eine Karriere daraus machen möchtest?

Eigentlich war es schon immer in mir drin und nach der Schule war für mich klar, dass ich eine Schneiderausbildung machen werde. Mein Papa meinte damals, dass es sich fügen wird, wenn es so sein soll – und es hat sich dann auch gefügt, denn ich habe immer daran geglaubt. 

Wie sahen dann deine ersten Schritte in Richtung Modebranche aus?

Nach der Schneiderausbildung bin ich nach Stuttgart auf eine Fotografieschule gegangen, habe etwas ganz anderes gemacht und angefangen, bei einem Modefotografen mitzuarbeiten. Ich habe damals schon zwei Modenschauen veranstaltet und wollte alles eigenständig machen können, ob Modefotos oder Freisteller, weswegen ich die Fotografie noch zusätzlich gewählt habe. 

Später war ich in ganz Europa mit einer Band auf Tour, aber als ich wiederkam, habe ich mir vorgenommen, im Nebenerwerb mein Label aufzubauen. Ich habe also meine erste Schlafbrillen-Kollektion herausgebracht und war damit in vielen Modemagazinen. Ab diesem Zeitpunkt wusste ich, dass ich dranbleiben will. Als ich dann nach Leipzig gezogen bin, hatte ich aber trotzdem erst eine Pause gemacht, bevor mich irgendwann mein jetziges Atelier einfach gefunden hat. 

Bevor wir darauf näher eingehen, wäre es interessant zu erfahren, was es bei dir eigentlich mit der Musik auf sich hat?

Ich singe sehr viel und sehr gerne und mache experimentelle Musik. 

Du bist natürlich durch deinen Job als Designerin sehr eingespannt. Wie intensiv kannst du deine Leidenschaft für Musik überhaupt noch verfolgen?

Ich nehme mir meistens mal einen Tag oder einen Abend Zeit, an dem ich nur Musik machen kann. Ich setze mich hin, lasse meiner Fantasie freien Lauf, schreibe alles auf und setzte das so um, wie ich es im Geist höre. Dann beende ich es irgendwann und gehe ins Bett, sodass sich das Ganze in meinem Traum verfestigt. Ich höre wirklich Melodien in meinem Traum – also nehme ich es ganz schnell auf, sobald ich aufwache. 

Kamst du irgendwann mal an den Punkt, wo du das Gefühl hattest, dich zwischen Musik und Mode entscheiden zu müssen?

Ich hatte das oft und es hat mich immer genervt, dass viele Leute gesagt haben, dass ich mich doch mal entscheiden muss, weil Musik und Mode beide so große Businesses sind. Ich habe mich aber immer geweigert, mich zu entscheiden – wenn ich Mode mache, kann ich ja zum Beispiel auch Mode für Musiker*innen machen, was ich auch getan habe. 

Wenn ich Musikerin bin, brauche ich ja irgendwann auch ein Bühnenoutfit, also ist es doch geil, wenn ich weiß, wie das geht und was ich beachten muss. Gerade wenn man Instrumente spielt, ist es gut, eine Designerin zu haben, die sich auf der Bühne auskennt. Wenn ich so praktisch denke, frage ich mich, warum ich denn etwas ausschließen sollte. Ich kann das nicht ausschließen, eben weil es für mich zusammengehört. 

Jetzt bist du eben nicht nur Designerin bei WYST, sondern hast in Leipzig auch dein eigenes Atelier. Was ist das Konzept dahinter?

Ich habe Schaufenster, also eine Werbefläche in der Leipziger Innenstadt. Die meisten Leute, die zu mir in den Laden kommen, kennen mich von Märkten, Designmessen oder eben von diesen Schaufenstern. Sie machen einen Termin, wir setzten uns zusammen und ich frage nach, was sich die Person denn genau vorstellt. Dann zeige ich ihr anhand von Fotos oder Stücken, die ich da habe, einige Beispiele und kreiere für die Person etwas Maßgeschneidertes. 

Ich suche die Stoffe aus, mache die Designs und sage ihnen, wie die Stücke wiederverwendet werden können, weil ich gerne Stücke mache, die man auch im Alltag und eben nicht nur an einem Tag tragen kann. Also nichts, was man einfach weghängt und dann für immer im Schrank bleibt. Mir gefällt es besonders, wenn etwas multifunktional ist und man es beliebig variieren kann. 

In deinem Atelier hast du auch ein paar Pieces zum Verkauf ausgestellt. Was kann man neben Kleidungsstücken noch bei dir finden?

Ich mache viele Accessoires, unter anderem die Schlafbrillen, Turbanstirnbänder sowie Taschen und habe auch Schmuck mit reingenommen, weil der die Ergänzung zu den Kleidungsstücken ist, die ich mache. 

Wovon lässt du dich für deine Designs am liebsten inspirieren?

Eigentlich durchs Reisen – wenn ich im Urlaub bin oder Freunde besuche, die im Ausland wohnen, gehe ich gerne in die größeren Städte und lasse mich dort inspirieren, zum Beispiel von den lokalen Vintage-Stores und antiken Geschäften. Wenn ich gar nicht daran denke, läuft mir meistens irgendetwas über den Weg und das inspiriert mich dann – ob es Mode, Kunst, Interieur oder Architektur ist. 

Wir haben jetzt einen kleinen Eindruck von deiner beruflichen Seite bekommen, aber wie sieht es persönlich aus, wie würdest du dich beschreiben?

Ich bin eher ruhig und gelassen, aber kann auch Party und außerdem bin ich ein loyaler und pünktlicher Mensch, auf den man sich verlassen kann. 

Was macht dich wiederum als Designerin aus?

Ich würde mich als flexibel beschreiben, denn ich bin bereit, außergewöhnliche Wege zu gehen und ich mag es einfach, dass man eben nicht immer nur den geraden Weg gehen kann. Mir gefällt es, ein paar Kurven einzuschlagen und Leute kennenzulernen, die ich sonst nie kennengelernt hätte. Ich höre auf meine Intuition und auf mein Bauchgefühl. 

Ich versuche mir außerdem einen Plan zu machen und wenn ich weiß, wie es funktionieren könnte, dann versuche ich es einfach. Manche Leute fragen mich, wie ich alles geschafft habe und ich sage immer, ich habe es einfach gemacht. Ich gehe vorwärts und versuche mich nicht über Dinge zu ärgern, die in der Vergangenheit liegen. Ich bin eher lösungsorientiert und nehme es so, wie es kommt.