“Man bereut am Ende eh nur die Dinge, die man nicht gemacht hat” – Label-Gründerin und WYST-Inhaberin Jennifer Weist im Interview

Wir haben sie verschwitzt auf der Bühne gesehen, die Arme weit auseinandergerissen und die Seele aus dem Leib singend, wir haben ihre verschiedenen Stationen mit Jennifer Rostock miterlebt, ihre musikalische Entwicklung verfolgt, wir haben ihr als Talkshow-Gast und als Jury-Mitglied zugehört und waren vor dem Fernseher mit dabei, als sie verschiedene Künstler*innen für “Update Deluxe” interviewt hat – und jetzt sehen wir, wie sie sich noch einmal neu erfindet. Wobei das auch nicht unbedingt der richtige Ausdruck ist, denn die Jennifer Weist von heute ist ja keine Neue, wir bekommen nur noch eine weitere Seite von ihr zu sehen. 

Jetzt ist sie halt “mal eben” auch noch Unternehmerin geworden, Gründerin und Geschäftsführerin ihres eigenen Modelabels WYST, das schon seit einiger Zeit im Raum stand, aber noch etwas Zeit und Raum brauchte, um zu gedeihen. Warum sie nun den Schritt in die Fashion-Industrie wagt, welchen Challenges sie sich hierbei stellen muss und welche Vision und Ansprüche hinter ihrer Brand stecken, erzählt uns Jennifer im Interview. 

Jennifer, den Traum vom eigenen Label, würde ich mal vermuten, haben viele. Was hat dich letztendlich dazu gebracht, die Idee auch wirklich umzusetzen?

Ich bin mir nicht so sicher, ob den Traum von einem eigenen Modelabel wirklich so viele Menschen haben. Wenn ich einen Traum habe, bleibt es nämlich kein Traum. Wenn ich einen Traum habe, setze ich alles daran, ihn in die Realität umzusetzen, so wie jetzt diesen eines eigenen Modelabels. 

Dann spulen wir mal zurück: Was waren denn deine ersten Berührungspunkte mit Mode bzw. wann hast du deine Leidenschaft dafür entdeckt?

An Mode interessiert bin ich schon so lange ich denken kann, auch wenn ich manchmal alte Fotos anschaue und diesen Fakt aufgrund meines Auftretens fast selber gar nicht glauben kann. Dann muss ich aber an mich mit neun oder zehn Jahren denken, wie ich anfing Kleidungsstücke, die ich nicht mehr tragen wollte, umzugestalten oder mir für Fasching Kostüme sogar selber zu nähen und dann weiß ich es wieder: Mode war immer ein großer Teil von mir. Ob es nur darum ging, Trends hinterherzulaufen oder sich eben genau gegen diese Trends entgegenzustellen, ich hatte in meiner modischen Laufbahn von allem etwas dabei und das war auch gut so. 

Und mit der Zeit wurde aus einem Interesse ein Berufswunsch?

Mit 25 Jahren kam mir das erste Mal die Idee, ein Modelabel zu gründen. Heute bin ich sehr froh darüber, dass ich das damals aber noch nicht realisieren konnte, weil mir die Zeit, ein Team und das nötige Kleingeld fehlte. Ich bin froh darüber, weil ich rückblickend mit 25 noch lange nicht so weit war – sowohl gedanklich als auch stilistisch – ein eigenes Modelabel führen zu können.

Was mich letztendlich dazu gebracht hat, meine Idee, die ich erstmals vor zehn Jahren hatte, wirklich umzusetzen, war wahrscheinlich der Wille, dass es keine Idee bleiben sollte. So viele Jahre hatte der Gedanke Zeit, sich in meinem Kopf und in meinem Herzen zu entfalten. Zehn Jahre, in denen dieser Traum auch hätte platzen können, weil mir andere Dinge viel wichtiger hätten sein können, aber er ist geblieben. Und deswegen wird er jetzt Realität.

Nun ist dein Baby, dein eigenes Label endlich da, was natürlich viel Zeit und Aufwand erfordert hat. Wie lange arbeitest du eigentlich schon an diesem Herzensprojekt?

Natürlich arbeite ich an meinem Label schon, seit ich den ersten Gedanken dazu hatte, aber so richtig “ALL IN” mit meiner Zeit, meiner Energie und meinem Geld bin ich etwa vor zwei Jahren gegangen, als ich die richtigen Menschen für eine Zusammenarbeit gefunden hatte. Das war auch zugleich der erste und wichtigste Meilenstein für mich. Die Idee, ein Label zu gründen, gab es schon so lange, auch die Idee für Inhalte und Konzept, aber ich wusste immer, dass ich alles, was bis dato nur in meinem Kopf stattgefunden hat, niemals alleine hätte umsetzen können. Ein Label zu gründen und zu führen, Kollektionen zu entwerfen, zu produzieren, zu vertreiben, dazu noch die redaktionelle Arbeit für den Blog, Social Media, um wirklich nur ein paar Punkte grob anzureißen – das alles bedeutet Zusammenarbeit von sehr vielen verschiedenen Gewerken, die aber alle perfekt ineinandergreifen müssen. Deswegen ist wohl mein allererster Meilenstein, die richtige Person auf die richtige Position gesetzt zu haben.

Apropos, Meilenstein. Was waren weitere für dich wichtige Steps während der Gründungsphase?

Ein zweiter Meilenstein für mich war, als man WYST endlich “sehen” konnte, weil die Marke ihr Gesicht in Form der CI bekommen hat. Auch hier hatte ich ganz bestimmt Vorstellungen für Logo, Bildmarke, Schriften, Illustrationen und wie sie die Firma widerspiegeln sollten. Ein sehr langer Weg mit einem Ergebnis, dass alle meine Wünsche übertroffen hat. Und so könnte ich jetzt noch ganz lange weitermachen, weil es beim ersten Mal fast wöchentlich kleine Meilensteine gibt, die man auf dem Weg zur ersten Kollektion erreicht. Die Webseite fertigstellen, das erste Fotoshooting, den ersten Blogeintrag lesen, die ersten Prototypen anprobieren… Und es wird wahrscheinlich auch mit dem Release der ersten Kollektion nicht aufhören, weil das auch nur einer von vielen Meilensteinen ist, den ich in den nächsten Jahren mit WYST noch erreichen will.

Nun ist der Weg zum eigenen Modelabel nicht unbedingt ein einfacher, sondern sicherlich auch steinig. Welche Herausforderungen hat das Ganze mit sich gebracht?

Sehr viele. Alle Herausforderungen aufzuzählen, vor denen ich seit der Labelgründung stand, würde hier absolut den Rahmen sprengen, deswegen sollte ich einfach von der wohl größten Herausforderung sprechen. Und die ist, ein Unternehmen zu führen, mit allem, was dazu gehört. Auch wenn ich bei Jennifer Rostock schon sehr viel Verantwortung getragen habe, musste ich dies nie alleine tun. Bei WYST bin ich Inhaberin und Geschäftsführerin in Personalunion. Ich habe ein Auge auf alle Abläufe, ich treffe alle Entscheidungen, alle Fäden laufen bei mir zusammen. Das ist wohl die größte Herausforderung, vor der ich jeden Tag aufs Neue stehe.

Ich habe dich ja jetzt während der Zusammenarbeit etwas näher kennenlernen können und finde, dass du wirklich sehr tough wirkst. Gibt es trotzdem etwas in Verbindung mit WYST, was dir Angst macht oder wovor du großen Respekt hast? 

Ich wirke nicht nur tough, ich bin es auch. Aber genauso tough, wie ich bin, genauso sensibel bin ich eben auch. Angst ist ein ständiger Begleiter von uns allen, die Frage ist nur, wie sehr man diese Angst seine Gedanken oder Entscheidungen bestimmen lässt. Seit ich 19 bin, bin ich selbstständig. Ich habe zwar ein Abitur (was eher schlecht ist), aber keine Ausbildung oder ein Studium vorzuweisen, kann also nicht einfach auf irgendetwas ausweichen, wenn ich scheitern sollte. Aber seit ich denken kann, habe ich schon immer alles auf eine Karte gesetzt, obwohl diese Angst ständig präsent war. Hätte ich das nicht getan, wäre ich heute wohl nicht an dem Punkt, an dem ich jetzt bin. Risiken einzugehen gehört als Selbstständige*r einfach dazu. 

Respekt habe ich vor der ganzen Modeszene, weil dieses Terrain neu für mich ist. Ich denke aber nicht, dass man von einem Sektor alles wissen muss, um in dem, was man tut, erfolgreich zu sein. Tennis spielen lernt man ja auch nicht, indem man sich Matches vor dem Fernseher anschaut, sondern indem man selber auf den Platz geht und einen Schläger in die Hand nimmt. Learning by doing, sozusagen. Ich muss nicht wissen, wie andere etwas vor mir getan haben, ich muss einfach meine eigenen Erfahrungen sammeln. Natürlich habe ich oft Angst, die falschen Entscheidungen zu treffen. Manchmal habe ich Angst davor, dass keinem unsere Klamotten gefallen und die ganze Vorbereitung einfach umsonst war, aber diese Gedanken hindern mich nicht daran, es einfach zu versuchen. Was hab ich schon zu verlieren? Man bereut doch am Ende eh nur die Dinge, die man nicht gemacht hat.

Stimmt! Dementsprechend wäre es interessant zu erfahren, inwieweit du eigentlich im Designprozess involviert bist und welche anderen Aufgaben du bei WYST übernimmst…

Wenn man es so will, bin ich in unserem Team quasi die vierte Designerin, auch wenn ich weder ein Studium in diese Richtung gemacht habe, noch besonders gut zeichnen kann. Wenn ich mir Gedanken über eine Kollektion mache, geht das eher über Moodboards und Stoffproben. Jede*r Designer*in bei WYST hat aber auch seine ganz eigene Art, Kollektionen zu entwerfen, und mir ist es wichtig, dass es da kein richtig oder falsch gibt, denn gerade am Anfang einer Kollektion müssen wir eh erst einmal untereinander verstehen, in welche Richtung es gehen soll. Im weiteren Designprozess bin ich auch überall dabei. Die Prototypen unserer Items werden mir zum Beispiel auf den Leib geschneidert, ich stehe quasi Modell für unsere Schnitte und deshalb findet auch keine Anprobe ohne mich statt. 

Des Weiteren geht alle Kommunikation zwischen den verschiedenen Arbeitsbereichen nur über mich. Vom Entwerfen von Illustrationen mit unserer Grafikdesignerin, Anpassungen unseres Online-Shops mit unserem Webentwickler und Entwicklung sowie Abstimmung der Posts und Stories für unser Social Media Management, über Konzeptionierung und Organisation von Fotoshootings und Drehs bis hin zur Abgabe der fertigen Kollektion an unsere Produktion. Außerdem entwickle ich mit dir, meiner Redakteurin zusammen den Redaktionsplan und schreibe auch hin und wieder Artikel für unseren Blog. Die wichtigsten Aufgaben als Inhaberin und Geschäftsführerin eines Fashion-Labels sind aber, Entscheidungen zu treffen und Probleme zu lösen, denn von diesen beiden Dingen gibt es wirklich eine Menge.

Jetzt haben wir ja einiges zum Background des Labels erfahren, aber um noch konkret auf die Mode selbst einzugehen: Wie viel von dir und deinem Stil steckt denn in WYST?

Alles von mir steckt in WYST. Wenn ich nicht alles von mir, meiner Persönlichkeit und meinem ganz persönlichen Stil in dieses Label hätte packen wollen, hätte ich keines gegründet, sondern angefangen, bei einem bereits bestehenden Label mitzuarbeiten. 

Aber mein Stil, was bedeutet das überhaupt? Mein Stil ist definitiv ein Mix aus sportlichen und eleganten Elementen, bei denen Bequemlichkeit eine sehr große Rolle spielt. Hosen mit einem festen Bund kommen zum Beispiel seit Jahren nicht mehr in meinem Kleiderschrank vor. Am liebsten mag ich Teile, die klassische und sportliche Elemente miteinander vereinen, Streetwear mit dem gewissen Etwas sozusagen. Dabei ist mir Alltagstauglichkeit sehr wichtig, ich besitze nichts, was knittert oder gebügelt werden muss, um einerseits Zeit zu sparen, aber auch nie darauf achten zu müssen, ob ich mich mit einem Kleidungsstück zum Beispiel überhaupt hinsetzen kann. 

Ich liebe kräftige Farben und ungewöhnliche Farbkombinationen, die Farbe Schwarz ist in meinem Kleiderschrank fast gar nicht mehr vertreten. Und last but not least stehe ich total auf Zwei- oder Mehrteiler, von denen ich aber leider nicht allzu viele zu Hause habe, weil sie, wie ich finde, sehr schwer zu finden sind. Oftmals passt mir nur ein Teil und ich würde mir eigentlich immer mehr Auswahl in den Kombinationsmöglichkeiten wünschen. Es ist schon wahnsinnig viel, was da passen muss, um mich zufriedenzustellen, aber ich bin mir sicher, dass ich da nicht die Einzige bin, der es so geht, und deshalb habe ich WYST ins Leben gerufen.

Wenn wir schon einmal dabei sind, wie würdest du deine persönliche Style-Evolution beschreiben und was bedeutet dir Mode, grob zusammengefasst?

Rückblickend würde ich sagen, dass mein Kleidungsstil oft mit meinem Musikgeschmack verbunden war. Früher Punkerin mit zerrissenen Jeans und ganz viel Sicherheitsnadeln in der Lederjacke, später dann meine Emo-Phase, in der es nur noch eine Farbe für mich gab: Schwarz. Eine Tonne schwarze Schminke im Gesicht, ausschließlich schwarze Kleidung am Leib und natürlich schwarze, vollkommen übertrieben lange Extensions in den Haaren. Zwischendurch war ich auch mal voll das Techno-Girl mit Schlaghose und Neopren-Jacke oder auch Skateboarderin mit tief sitzenden Baggypants und bauchfreien Tops. Und natürlich bin ich, wie wahrscheinlich jede*r Jugendliche, auch sinnlosen Trends hinterhergelaufen. Wer brauchte keine Schnuller an seinem Armeerucksack, Fat-Laces in den Turnschuhen oder einen schwarzen Tattoo-Choker um den Hals? 

Seit ungefähr fünf bis sieben Jahren habe ich aber einen wirklich gefestigten Modestil, der total unabhängig von meinem Musikgeschmack oder irgendwelchen Trends funktioniert. Sowohl damals als auch heute bedeutet mir Mode allerdings das Gleiche: Durch Mode habe ich die Möglichkeit, mich nonverbal auszudrücken, durch Mode kann ich mein Innerstes nach Außen tragen, mich auch an nicht so guten Tagen wohl in meinem Körper fühlen, aber vor allen Dingen macht es mir Spaß, mich durch Mode auszuprobieren und immer wieder neue Seiten an mir zu entdecken.

Mit deinem Label kannst du ja deinen Sinn für Mode mit anderen teilen. Gibt es daher ein bestimmtes Gefühl, das du mit der Kleidung von WYST vermitteln willst?

WYST ist ein Fashionlabel mit bestimmten Werten, die wir nicht verstecken, sondern ganz klar nach außen tragen wollen. Natürlich steht WYST deshalb auch für eine Art Lebensgefühl, das wir vermitteln möchten. Eigentlich würde uns schon reichen, wenn unsere Kund*innen die gleiche Freude beim Tragen unserer Kleidung empfinden, wie unser Team beim Designen hatte. In jedem Piece steckt so viel Liebe und Herzblut von uns allen drin, ich hoffe, dass jeder das spüren und vielleicht sogar in sich aufnehmen kann. 

Klar freuen wir uns auch, wenn unsere Kleidungsstücke vielleicht sogar noch ein bisschen mehr für die Träger*innen sein können als nur ein hübsch drapiertes Stück Stoff. Ein Selbstbewusstseins-Boost zum Beispiel, weil sie sich in unseren Sachen einfach wohl und schön fühlen. Auf jeden Fall sollen unsere Kleidungsstücke aber allen Menschen Mut machen, sich so zeigen zu können, wie sie sind und wie sie sich fühlen, ganz unabhängig davon, ob diese Menschen unsere Kleidung selbst tragen oder nur an anderen sehen. 

Was macht ein Kleidungsstück für dich zu einem Erfolg?

Die Träger*innen. Ich bin davon überzeugt, dass auch ein erst einmal vielleicht langweilig wirkendes Kleiderstück durch den richtigen Menschen zum Star werden kann. Und das aufregendste Kleidungsstück ist eben auch nur ein Kleidungsstück, bevor Menschen, die es tragen, es mit ihrer Persönlichkeit zum Leben erwecken. 

Mit dem Label bist du jetzt natürlich Teil einer großen Branche, die immer wieder im Wandel ist. Über welche Veränderung in der Modeindustrie würdest du dich freuen?

Ich freue mich immer über Veränderung, denn Veränderung bedeutet Fortschritt, nicht stehen bleiben und das verbinde ich immer mit etwas Positivem. Oft wollen wir die Veränderung aber lieber in anderen sehen als erst einmal in uns selber, wir fordern sehr viel von unserem Gegenüber und vergessen dabei, dass wir selber doch auch so viel zu einer Veränderung beitragen könnten. 

Es gab Teile des Konzepts, die wir genauso verwirklichen konnten, wie es vorgesehen war, aber es gab auch Teile des Konzepts, die wir sehr schnell aufgeben mussten, weil das die Abläufe in der Textilindustrie gerade nicht hergeben und vielleicht auch nie hergeben werden. Unsere Zukunft liegt zum Glück aber trotzdem in unseren Händen, denn auch wenn wir nur bedingt Einfluss auf die Herstellung und Produktionsverfahren nehmen können, so können wir viel mehr an unserem Verhältnis zu Mode im Allgemeinen etwas ändern und unser Konsumverhalten hinterfragen, sodass sich die Modeindustrie dementsprechend anpassen und mitziehen muss. 

“Not just another fashion label” – dieser Satz ist mir in Erinnerung geblieben. WYST ist Mode, aber eben auch mehr als das. Warum ist es dir persönlich so wichtig, mit deiner Brand auch besonders Frauen zu zelebrieren und gesellschaftliche Themen anzusprechen?

Als Sängerin und Songwriterin war es mir schon immer wichtig, mit meiner Musik Themen anzusprechen, die mich bewegen, sowohl mich persönlich als auch mich als Teil dieser Gesellschaft, weil ich in erster Linie ein Mensch mit Ansichten und Werten bin, die sich nicht von meiner Arbeit trennen lassen. Nicht von meiner Arbeit als Künstlerin oder Moderatorin und auch nicht von meiner Arbeit als Geschäftsführerin eines Modelabels. Ich wusste von Anfang an, dass es mir nicht reichen würde, einfach nur schöne Klamotten zu produzieren, ich wollte diese Klamotten auch mit Leben füllen, weil Mode Kunst ist und Kunst zu erschaffen, heißt für mich etwas mit Bedeutung zu erschaffen. Natürlich kann ich mich auch an Dingen erfreuen, die einfach nur schön sind, oft langweilen sie mich dann aber auch ziemlich schnell. 

Und so hat sich die Idee entwickelt, die Grenzen eines Modelabels zu überschreiten?

Die Vision von WYST kam mir, als mir ein Artikel über Rosalind Franklin in die Hände fiel, von der ich vorher noch nie etwas gehört hatte. Rosalind war eine 1920 in London geborene Biochemikerin, die zu einer Zeit an der DNA-Entschlüsselung arbeitete, als Frauen noch nicht mal mit ihren männlichen Kollegen zusammen im Speisesaal der Universität essen durften. Ihre Forschungsergebnisse der Röntgenbeugungsdiagramme der DNA, die ohne ihre Erlaubnis weitergereicht wurden, trugen wesentlich zur Entschlüsselung der DNA bei, was aber leider im Forschungsartikel zweier Männer, die dafür später den Nobelpreis bekamen, keine Erwähnung fand. 

Ich fragte mich, wie viele Womxn es da draußen wohl noch gegeben haben muss, die nicht die Aufmerksamkeit und Anerkennung für ihr Schaffen bekommen haben, die sie eigentlich hätten bekommen müssen. Ich fing an zu recherchieren und nach ein paar Stunden war mir klar, was ich tun wollte: Ich wollte die Geschichte dieser Frauen erzählen, um jede*n wissen zu lassen, wer sie waren. Natürlich und zum Glück hat sich in Sachen Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern seit dieser Zeit einiges getan, aber es liegt eben auch noch ein langer Weg vor uns und deshalb würde es mich sehr freuen, wenn wir mit WYST etwas dazu beitragen könnten.